Kolpingwerk   |   Kolping-Bildungswerk   |   Kolpingjugend   |   Hotels

Hotels

Ardey Hotel
Ardeystraße 11-13
58452 Witten

Weiter zur Webseite

Hotel Aspethera
Am Busdorf 7
33098 Paderborn

Weiter zur Webseite

Hotel Susato
Dasselwall 5
59494 Soest

Weiter zur Webseite

„Corona lehrt uns Wertschätzung in der Kommunikation“

Die Corona-Krise hat viele Kolpingsfamilien überraschend getroffen. Bei der Kommunikation stellt sie alle Beteiligten vor besondere Herausforderungen. Wie kann man die Mitglieder am besten erreichen, wenn persönliche Treffen nicht möglich sind? Was sagt man ihnen angesichts der eigenen Unsicherheit?

Am Ende ist die Corona-Krise sogar eine Chance, sagt Tom Buschardt. Der Kommunikationsberater, Medientrainer und Journalist aus Köln hat sich auf Krisenkommunikation spezialisiert. Er berät Spitzenpolitiker und Top-Manager. Für uns schätzt er die Situation ein und gibt Kolpingsfamilien einige Praxistipps.

Kann man sich im Ehrenamt überhaupt auf eine solche Situation vorbereiten?

In dieser Form natürlich nicht. Wer hätte vor einem halben Jahr erkennen können, dass uns das Virus weltweit so sehr einschränken wird? Allerdings kann man die Corona-Krise auf einzelne Punkte herunterkürzen: Abgesagte und verschobene Veranstaltungen hat es immer gegeben. Hier sollte man gut aufgestellt sein. Auch Vereine, die finanziell in die Krise geraten, hat es auch immer gegeben. So bitter das jetzt auch ist: Das sind Standard-Ereignisse – auch, wenn sie uns jetzt in ungeahnter Fülle treffen – auf die man sich in der Kommunikation vorbereiten kann.

Anders sieht es natürlich bei den Themen Masken, Abstandsregelung und Mitarbeiterschutz aus. Das ist für uns in Deutschland noch neu. Hier müssen Entscheidungen – aber auch Aussagen in der Kommunikation – täglich auf den Prüfstand und schnell aktualisiert werden. Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein. Also versehen wir unsere Kommunikation mit Zeithinweisen. Beispielsweise: „Stand heute können wir sagen, dass …“ So kann ich morgen andere Aussagen treffen, ohne unglaubwürdig zu sein. Wer Zweifel zugibt, gewinnt eher an Glaubwürdigkeit, als dass man ihm das vorwerfen kann.

Anders als Unternehmen, betreiben Vereine und Gruppen im Ehrenamt keine professionelle Kommunikation. Oft läuft das nebenbei. Welche Tipps und Regeln sollten die Verantwortlichen dort berücksichtigen?

Durch die Tatsache, dass Corona uns so gnadenlos und in allen Bereichen des Lebens einen Strich durch die Rechnung macht, ist das Verständnis sehr groß, wenn man mal nicht so effektiv und professionell kommuniziert. Vorausgesetzt natürlich, dass man emotional angemessen reagiert und Corona nicht als Sommerschnupfen abtut.

Wer jetzt in den Ehrenämtern pragmatisch, kreativ und lösungsorientiert handelt, der sollte es auch in der Kommunikation weniger schwer haben in diesen Zeiten. Wägen Sie ab, wann eine zu offene Kommunikation eher zur Verunsicherung beitragen würde. Beschönigen Sie aber auch nichts – denn das wird ohnehin rauskommen und dann haben Sie ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem.

Bei der Kommunikation der Kirche und ihres Umfeldes, bei Vereinen und Verbänden, wurde sehr schnell viel ins Internet verlagert. Aber braucht wirklich jede Kirchengemeinde, jede Kolpingsfamilie einen eigenen YouTube-Kanal und eine Facebook-Seite?

Nun, da wurde im Frühjahr mit Hochdruck nachgearbeitet. Wer diese Infrastruktur bereits hat, kann natürlich in Krisenzeiten besser und schneller reagieren. Da wurde ein Versäumnis sichtbar, denn eine Heizung modernisiert man auch im Sommer und nicht, wenn der Frost Spitzenwerte erreicht hat. So ist das auch mit der Krisenkommunikation. Gerade in den Gemeinden und Kolpingsfamilien findet sich doch sicher ein findiger Kopf, der beispielsweise eine Webseite als Unterseite eines anderen Angebotes schnell einrichten kann. Hier ist Funktionalität gefragt, weniger Design und Schnickschnack. Eine Mailingliste, ein Handyvideo mit Ansprache – das alles ist schnell gemacht.

Das Ziel ist doch eher eine Art Nachbarschafts-Kommunikation an den Start zu bekommen, als eine Marke zu branden und Follower zu generieren. Kirchengemeinden sollten den Social-Media-Begriff „Influencer“ etwas gütiger auslegen.

Und wie sage ich nötigenfalls dem*der Vorsitzenden oder dem Pfarrer, dass er*sie besser nicht für ein YouTube-Video vor die Kamera geht?

Das kommt auf die persönlichen Befindlichkeiten an. Ich habe konkret eine Pfarrerin vor Augen, der könnte man durchaus nach der Aufnahme unter vier Augen sagen: „Gott hat ganz klar einen anderen Plan für Sie.“ Die würde das mit Humor nehmen.

Das Problem von Corona ist, dass diese Krise eine Dramatik hat, die ganz klar nach der ersten Reihe der Entscheider verlangt. Das macht vor einem Pfarrer oder Vorsitzenden nicht halt. Da muss er oder sie dann durch. Hier könnte man die Videos deutlich kürzer halten oder man lässt das per Videocoaching für den konkreten Anlass coachen. Das ersetzt kein vollwertiges Medien- und Kommunikationstraining, ist aber eine gute Erste-Hilfe-Maßnahme.

Wichtig ist beispielsweise für Pfarrer, dass ihnen bewusst ist: Video ist keine Predigt von der Kanzel. Video ist nicht die Lesung aus dem Buch Mose. Video bedeutet: Ich bin bei meinen Gemeindemitgliedern zu Hause auf Ihren Handys und Tablets.

Was muss man beachten, um die Menschen, die sich sonst im Ehrenamt vor allem persönlich treffen, auch im Internet zum Mitmachen zu bewegen, zum Beispiel bei Aktionen?

Überlegen Sie, was der ursprüngliche Anlass der Aktion ist. Nehmen wir den Sonntagnachmittag für Senioren bei Kaffee und Kuchen. Geht es wirklich um die Nahrungsaufnahme oder eher um Gemeinsamkeit und Austausch untereinander? Genau da setzt man an. Organisieren Sie doch, dass alle, die sonst in die Pfarrei kommen würden, von Ehrenamtlichen ein Stück Kuchen vor die Tür gestellt bekommen. Kaffee kochen die sich dann selbst. Ein anderer organisiert eine Telefon- oder Videokonferenz, in die man sich einwählen kann. Das geht auch parallel: Wer eine Webcam hat, nimmt im Video teil – wer nur Telefon hat, wählt sich in eine Konferenzschalte ein. Zentral liest dann jemand beispielsweise aus einem Buch Kurzgeschichten vor und moderiert ein wenig.

Auch so kann man Gemeinsamkeit schaffen. Das ist kein vollwertiger Ersatz – aber mit diesem Gedankengang und pragmatischen Lösungen kann man Notlösungen schaffen. Meinem 80-jährigen Vater habe ich eine Webcam in seine Essenslieferung gepackt und ihm telefonisch erklärt, wie er die anschließen muss. Das war ein hartes Stück Arbeit. Aber nun treffen wir uns schon mal auf eine Stunde Videochat zum Kaffeetrinken, damit er nicht so einsam ist als Witwer.

Wenn wir im zweiten Halbjahr 2020 wieder in Richtung Normalität steuern, was sollten wir dann für unsere Kommunikation aus der Corona-Krise gelernt haben?

Wertschätzung vor allem. Corona macht uns alle gleich. Das ist – theologisch gesehen – vermutlich das Beste, was einer religiösen Gesellschaft passieren konnte: Vor Gott sind wir alle gleich. Ich selbst bin kein religiöser Mensch, aber ich orientiere mein Leben und die Erziehung meiner Söhne an christlichen Werten. Corona macht uns klar: Soziale Unterschiede spielen keine Rolle und wir haben eine erhöhte Verantwortung gegenüber der älteren Generation. Viele Missstände – beispielsweise in der Altenpflege – werden gerade erst für viele Menschen sichtbar, weil sie sich bisher nicht damit beschäftigt haben. Das ist gut und wichtig. Weitere Beispiele finden wir an jeder Ecke unseres Lebens.

Nach Corona müssen wir zur alten Kommunikation zurückkommen, wie wir sie vor der Digitalisierung unseres Lebens hatten: Besuchen. Sprechen. Umarmen. Derzeit helfen uns die digitalen Kanäle beispielsweise mit einem Videochat, mehr Nähe aufzubauen als es eine WhatsApp oder ein Telefonanruf können.

Jetzt wissen wir, was uns und unserer Gesellschaft gefehlt hat. Holen wir es uns zurück!

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Infos über Tom Buschardt und seine Arbeit gibt es im Internet auf www.200prozent.com. Er ist auch Referent bei unserem Austauschtreffen Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Krisenkommunikation im Ehrenamt am Samstag, dem 19. September 2020. Mehr Infos zu dieser Veranstaltung gibt es hier.

Eine etwas kürzere Fassung dieses Interviews findet Ihr in der aktuellen Ausgabe 2/2020 unserer Zeitschrift „Praxis & Nah“.