Ein Jahr in Deutschland – drei Freiwillige aus Mittelamerika ziehen Bilanz

16. Okt 2020

Ein Jahr in Deutschland – drei Freiwillige aus Mittelamerika ziehen Bilanz

2019 haben drei junge Frauen aus unseren Partnerländern in Mittelamerika einen Freiwilligendienst in unserem Diözesanverband absolviert. Eine Premiere: Zum ersten Mal waren Freiwillige im Rahmen des Süd-Nord-Austausches bei uns zu Gast.

Anfang dieses Jahres reisten sie zurück in ihre Heimatländer. Neun Monate später ziehen sie nun Bilanz: Was hat sich verändert? Wie haben sich die Drei verändert? Hier sind die Berichte von Ana, Dayán und Thania – und dazu die Einschätzungen aus unserem Diözesanverband und dem Kolpingwerk der Dominikanischen Republik.

Ana Almonte
geboren am 8. November 1997
aus Bonao (Dominikanische Republik)
Freiwilligendienst von August 2018 bis August 2019 im Kolping Mehrgenerationenhaus in Borchen


„Als ich mich auf den Weg in mein Abenteuer machte, hatte ich keine Ahnung, welchen Schatz ich finden würde. Der Freiwilligendienst hat einen Teil von mir aufgeweckt, der schlief. Ich habe den Glauben an mich und Selbstvertrauen gewonnen. Habe gelernt zu sagen, was ich will und wie ich mich fühle. Habe gelernt, Dinge zu hinterfragen und gelernt, Veränderung zu wollen.

Ich habe mich mit Themen beschäftigt, die nicht in meinem Blickfeld waren: Umweltschutz, Klimawandel, Politik, Gendergerechtigkeit und viele mehr, die wichtig für mein Land sind. Dieser Freiwilligendienst und die Menschen, die ich kennenlernen durfte, haben mir geholfen, dafür zu kämpfen. Daher habe ich nach meiner Rückkehr entschieden, Mitglied der Kolpingsfamilie zu werden, in der Hoffnung, dass ich dieselbe Solidarität zurückgeben kann, die mir geschenkt wurde.

Ich sehe mich jetzt als Teil der Lösung vieler Probleme. Das erfüllt mich mit Hoffnung und Leidenschaft. Ich konnte unsere kulturellen Gemeinsamkeiten erleben und zeigen, dass Freundschaften über Grenzen hinweg möglich sind.“

Dayán Ramírez
geboren am 21. März 1997
aus Cristo Rey (Costa Rica)
Freiwilligendienst von Januar 2019 bis Januar 2020 im BANG Starter Center in Delbrück-Ostenland

„Der Freiwilligendienst war das Verlassen meiner Komfortzone, ein Weckruf der Realität aus einem Alltag, den ich lebte, ohne mir dessen bewusst zu sein. Es war eine aufwühlende Reise.
Als das Ende meines Aufenthaltes bevorstand, fühlte es sich an wie eine wohlwollende Überraschung. Zu fühlen, wie ich einen Teil von mir zurücklasse in jeder Begegnung, an jedem Ort, wie ich dieselbe Person bleibe und doch eine andere werde.

Die Rückkehr nach Costa Rica war schwer. Ich fühle diesen Trieb, etwas zu verändern. Tabus zu brechen und für die Gemeinschaft einzustehen. Das ist etwas, was ich in meiner Familien begonnen habe. In der Hoffnung, dass sich diese Kette weiterzieht, auch für die zukünftigen Generationen.
Der Freiwilligendienst bot mir einen Einblick, wie Menschen für das Erreichen des Gemeinwohls zusammenarbeiten. Zu fühlen, wie ich all meine Stereotype wegwarf, war wie ein Hürdenlauf, bei dem ich merkte, dass wir uns selbst die Hürden in den Weg stellen. Es sind die vorgegebenen Grenzen, die uns davon abhalten, wunderbare Menschen kennenzulernen.“

Thania Rodríguez
geboren am 9. September 1995
aus Danlí (Honduras)
Freiwilligendienst von Januar 2019 bis Januar 2020 im BANG Starter Center in Delbrück-Ostenland


„Als ich nach meinem Freiwilligendienst in mein Land zurückkehrte, war es eine Reintegration. Am Anfang fühlte ich mich, als wären alle weitergekommen in ihrem Leben und nur ich hätte eine Pause gemacht. Gleichzeitig war ich ein anderer Mensch mit neuer Lebenserfahrung und mit vielen Emotionen. Eine von ihnen ist die Traurigkeit, ein Land zurückzulassen, das wunderschön war, eine Familie zurückzulassen, die mich in ihre innerste Privatsphäre aufgenommen hat.

Natürlich war ich froh, meine Familie in Honduras wiederzusehen. Aber ich wollte nicht mehr, dass sie meine Entscheidungen beeinflussen. Erst als ich zurückkam, fiel mir der Lärm auf, der uns umgibt. Nie vorher war mir aufgefallen, wie skandalös laut wir sind. Ich bin weniger tolerant geworden, was den Machismus betrifft. Erst nach meiner Rückkehr nahm ich wahr, wie verbreitet er ist.

Ich hatte früher die Vorstellung, das Leben ist dazu da, sich zu bilden und zu arbeiten. Das hat sich verändert. Leben ist, solidarisch zu leben. Leben ist Lernen, aber auch Lehren. Emotionen zu teilen, verschiedene Standpunkte einzunehmen. Chancen zu geben, Freunde und Gefährten zu haben. Immer zu versuchen, die beste Version unserer selbst zu sein.

Meine wunderbare Gastfamilie, meine Freunde, die ich zurückgelassen habe, die, die ich neu gefunden habe, die alte und die neue Thania – alles ist Teil einer Treppe, die ich hoch gehe. Stufe für Stufe oder wie mein Deutschlehrer sagte: „Man muss nicht alles wissen, aber man muss weiter machen. Stück für Stück.“

Ramona Linder
Referentin für Ehrenamt und Entwicklungszusammenarbeit im Kolpingwerk Paderborn

„Ein Auslandsaufenthalt gehört für deutsche Abiturient*innen fast zum standardisierten Lebenslauf. Für Jugendliche aus dem Globalen Süden bleiben geförderte Freiwilligendienstplätze weiterhin schwer erreichbar. Die Süd-Nord-Komponente des weltwärts-Freiwilligendienstes ist absolut wichtig und eine Möglichkeit, Privilegien zu teilen. Unsere Partnerschaftsarbeit soll gleichberechtigten Austausch fördern. Mit unseren Strukturen der Einsatzstellen im Kolping-Bildungswerk, potentiellen Gastfamilien und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung im Verband und der Begleitung durch die Kolpingjugend Paderborn haben wir ideale Voraussetzungen für die Durchführung des Programms.“

Yudy García
Geschäfsführerin des Kolpingwerkes der Dominikanischen Republik

„Wir freuen uns darüber, dass wir gemeinsam die Möglichkeit für Freiwilligendienste schaffen konnten. Wir sind dankbar für Eure exzellente Arbeit in der Begleitung der Freiwilligen. Wir sind stolz, dass vor allem junge Frauen diese Erfahrungen machen können, was für unsere Kultur eher unüblich ist. Sie gehen als Raupe und kommen als Schmetterling zurück, selbstbewusst, ermächtigt und voller Erfahrungen, die ihnen ihr Leben lang nützlich sein werden.“

Bei YouTube gibt es einen ca. 30-minütigen Film über den Freiwilligendienst von Ana, Dayán und Thania.

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