„Fortschritte spürbar – aber von Gleichstellung noch weit entfernt“

07. Mär 2021

„Fortschritte spürbar – aber von Gleichstellung noch weit entfernt“

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. In diesem Jahr ist das Motto der Vereinten Nationen: „Frauen in Führungspositionen: Für eine ebenbürtige Zukunft in einer COVID-19-Welt“ (Women in leadership: Achieving an equal future in a COVID-19 world). Es soll hervorheben, dass vor allem Frauen von der Pandemie und ihren Folgen betroffen sind. Trotz einiger Fortschritte ist die Gesellschaft von einer echten Gleichstellung der Frauen weit entfernt, sagt Katia Fernández Mena. Sie leitet das Kolpingwerk in Costa Rica, eines der Partner-Kolpingwerke des Diözesanverbandes Paderborn. Unsere Referentin für Internationales, Ramona Linder, hat sie interviewt. Im Gespräch schätzt Katia Fernández Mena die Situation in ihrer Heimat ein und vergleicht sie mit der Lage in Deutschland.

Wir sprechen heute über ein Thema, das für uns beide sehr wichtig ist und das uns vielleicht sogar verbindet: Frauenrechte und Gleichberechtigung. Sicherlich keine einfachen Themen, noch dazu projiziert auf unsere unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Frauenrechte und Gleichberechtigung sind aktuelle Themen. Es ist unbedingt notwendig, Räume für Dialog, Reflexion, Sensibilisierung und nach Möglichkeit für die Systematisierung zu schaffen. Nur so können Maßnahmen umgesetzt werden, um bestehende Ungleichheiten zu überwinden. Das Ziel muss sein, einen Wandel zu schaffen, der es Frauen erlaubt, gerechte Zugänge und verbesserte Möglichkeiten zu bekommen und ihre Talente voll zu entwickeln.

Hast Du ein weibliches Vorbild? Eine Persönlichkeit, die Dich beeinflusst oder geprägt hat?

Ich bewundere viele Frauen, angefangen bei meiner Großmutter Nicolasa Mena Leiva. Sie war eine Frau, die ihre Familie allein durchgebracht hat, in einem Umfeld und einer Zeit, die sehr machistisch war. Meine Leidenschaft für Frauenrechte ist vor allem durch den Kontakt mit der Sozialarbeiterin Emilia Gamboa Ureña entstanden, meiner Mentorin während eines Universitätspraktikums. Durch sie habe ich gelernt, dass Frauen ihre Denkweisen verändern, sich wertschätzen und ihr Leben verändern können. Hier bei Kolping haben wir Möglichkeiten, Frauen Wege zu eröffnen, und diese Erfahrungen sind wunderbar.

Im Oktober 1966 beschlossen in Würzburg 57 Männer, dass in Zukunft auch Frauen als Mitglieder im Kolpingwerk Deutschland aufgenommen werden können. In „Deinem" Kolpingwerk ist eine Mitgliedschaft ohne Frauen fast undenkbar, oder?

Ich bin am 21. Oktober 1966 geboren. Es ist ein schöner Zufall, dass ab demselben Jahr Frauen im Kolpingwerk aufgenommen wurden. Wir können uns hier definitiv kein Kolpingwerk ohne Frauen vorstellen. 82 Prozent der erwachsenen Mitglieder bei Kolping Costa Rica sind Frauen. Unter den Jugendlichen sind 55 Prozent weiblich. Bei den Kindern sind 54 Prozent Mädchen.

Der Unterschied unter den Jugendlichen und Kindern ist geringer, weil ihre Mütter sie an Kolping heranführen. Während der ABC-Grundlagen-Schulung für neue Kolping-Mitglieder werden viele Themen besprochen, unter anderem die Anfänge des Kolpingwerkes in Deutschland als Männerverband. Es ist schön, heute als Frau ein aktiver Teil von Kolping Costa Rica zu sein.

Was macht es aus, dass sich besonders Frauen dem Kolpingwerk Costa Rica verbunden fühlen?

Laut Aussage unserer weiblichen Mitglieder führt Kolping sie näher zu Gott. Sie nehmen den Verband als Möglichkeit wahr, Kirche zu gestalten. Sie bekommen umfassende Unterstützung in allen Bereichen ihres sozialen, emotionalen und spirituellen Lebens. Sie schätzen die ganzheitliche Bildung und nehmen Erlerntes und Werte auf, die sie zum Teil verworfen hatten. Sie erlangen ein neues Zugehörigkeitsgefühl. Spüren, dass sie Berücksichtigung und Gehör finden, dass ihre Bedürfnisse und Ideen wichtig sind.

Es ist bemerkenswert, wie sie ihre äußere Erscheinung weiterentwickeln. Schüchternheit und Angst, in der Öffentlichkeit zu sprechen, überwinden. Sich trauen, ihre Gedanken zu äußern. Ich finde es beeindruckend, wenn sie berichten, die Welt habe ihnen beigebracht zu konkurrieren, und sie bei Kolping lernen, sich über die Erfolge anderer zu freuen. Einige der Frauen hatten sich, bevor sie Kolping beigetreten sind, nie erträumt, einmal ein eigenes Projekt zu haben. Somit lernen auch ihre Kinder, zu träumen, und schauen hoffnungsvoller in die Zukunft.

"Es ist schön, heute als Frau ein aktiver Teil von Kolping zu sein."

Wo siehst Du in Costa Rica besondere Herausforderungen bei der Gleichstellung der Geschlechter?

In unserer Gesellschaft gibt es nach wie vor ein Defizit beim Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt. Obwohl in der Verfassung von Costa Rica in Artikel 78 verankert ist, dass „die Vorschulerziehung, die allgemeine Grundschulbildung und die weiterführende Bildung verpflichtend vom Staat gestellt und finanziert sind”, gibt es Benachteiligungen, die den Zugang von Frauen zu Bildung verhindern.

Wir brauchen mehr Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, für junge und erwachsene Mütter, die sich weiterbilden und finanzielle Unabhängigkeit erreichen wollen. Ein weiterer Punkt ist, dass Care-Arbeit für Kinder, Enkelkinder, Senior*innen und Menschen mit Behinderungen komplett Frauen zugeschrieben wird. Das macht es ihnen oft unmöglich, andere Ziele zu verfolgen. Es gibt viele Fälle häuslicher Gewalt und sexuellen Missbrauchs, die das Selbstbewusstsein der Frauen schwächen, sie in die gelernte Hoffnungslosigkeit treiben und sie die Kontrolle über ihr Leben abgeben lassen.

Die Frauen, die es schaffen, Hürden zu überwinden und eine Arbeitsstelle zu finden oder ein Kleinunternehmen zu gründen, sind mit der Arbeit im Haushalt zusätzlich belastet. Wenn sie um Hilfe bei der Hausarbeit bitten, laufen sie Gefahr, Gewalt zu erleiden, oft sogar von ihren eigenen Söhnen im jugendlichen Alter. Wir thematisieren solche Situationen in unseren Schulungen, denen Menschenrechte und Genderthemen zu Grunde liegen, und die es den Teilnehmenden erlaubt, nicht-traditionelle Rollenbilder in einem Umfeld des Vertrauens und der Akzeptanz zu denken und anzunehmen.

In den vergangenen Jahren sind in Lateinamerika Menschen auf die Straße gegangen und haben protestiert. Auch in San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas. Auf den Transparenten ist unter anderem #niunamenos zu lesen. Worum geht dabei es und was wird gefordert?

Die Gewalt an Frauen in unserem Land steigt. Oft endet sie im schrecklichsten Szenario, dem Feminizid, was den gezielten Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts beschreibt. Die Bewegung, von der Du sprichst, hat das Ziel, dieses Phänomen sichtbar zu machen und Druck auszuüben, hin zu einem Systemwandel, der das Leben der Frauen und Mädchen schützt und eine Bildung fördert, die der Gesellschaft die Möglichkeit gibt, ein friedliches und gerechtes Zusammenleben zu gestalten.

Seit das Strafgesetz gegen häusliche Gewalt in Costa Rica im Jahr 2007 erlassen wurde, sind 355 Feminizide begangen worden, ohne die Morde zu zählen, die nicht als Feminizid eingeordnet wurden. Es gibt noch viel Arbeit. Seitens Kolping leisten wir unseren Beitrag durch die Arbeit mit dem Netzwerk zur Gewaltprävention (Red de Atención y Prevención de la Violencia) und dem Kinder- und Jugendnetzwerk (Subsistema de Niñez y Adolescencia). Unsere Mitglieder nehmen aktiv an diesen Netzwerken teil.

In Deutschland werden durch die Corona-Pandemie Geschlechterrollen aufgedeckt, die lange als aufgehoben galten. Es wird deutlich, dass wir von einer Gleichstellung noch weit entfernt sind. Wie nimmst Du diese Situation in Costa Rica wahr?

Frauen sind auf drei Ebenen betroffen: die Zunahme der häuslichen Gewalt, die Mehrbelastung durch Care-Arbeit und die Beeinträchtigung der Gesundheit. Durch den Lockdown steigen Fälle von häuslicher und sexueller Gewalt, weil Frauen der Situation zu Hause schutzlos ausgeliefert sind. Die finanziellen Auswirkungen der Pandemie auf die Familien verursachen eine stärkere finanzielle und emotionale Abhängigkeit vom Täter. Sie bekommen weniger Unterstützung von Familien und Freund*innen.

Es gibt auch weniger öffentliche Transportmöglichkeiten aufgrund der Mobilitätseinschränkungen und weniger Möglichkeiten, dass zum Beispiel Mädchen das Schweigen brechen, weil sie nicht zur Schule gehen. Allein im Frauenhaus im Kanton von Pérez Zeledón gibt es eine Warteliste mit über 100 Frauen, die therapeutische Betreuung brauchen. Beim Netzwerk gegen Gewalt (Red Contra la Violencia) fehlt es an geeigneter Unterstützung vom Nationalen Fraueninstitut (Instituto Nacional de las Mujeres) und anderen Instanzen, um diesen dringend notwendigen Dienst anzubieten.

Mit den Kolpingmitgliedern stehen wir in dauerndem Kontakt über WhatsApp. Wir geben ihnen Techniken an die Hand, wie sie besser mit Stress umgehen. Jeden Morgen wird ihnen das Evangelium und die dazugehörige Predigt geschickt. Während der Pandemie wurden sie vom Team des Nationalbüros und Präses Fray Rafael Vega Gonzáles betreut.

"Durch die Kolpingarbeit können wir erreichen, dass mehr Frauen Zugang zu Schulungen bekommen."

Der Gender Pay Gap (GPG) ist der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern im Verhältnis zum Bruttostundenverdienst von Männern. 2019 lag der GPG in Deutschland bei rund 19 Prozent. Wie sieht das in Costa Rica aus?

Der GPG ist historisch verankert. Durch die COVID-19 -Krise werden in Costa Rica die Ungleichheiten verstärkt, weil die wirtschaftlichen Sektoren, in denen mehr Frauen arbeiten, am meisten von der Pandemie beeinträchtigt werden, zum Beispiel der Einzelhandel oder das Hotelgewerbe.

54 Prozent der Frauen befinden sich derzeit außerhalb des Arbeitsmarktes. Die Lohndifferenz ist im Dienstleistungssektor und Handel am deutlichsten, wo Frauen bis zu 24 Prozent weniger als Männer verdienen. Costa Rica beginnt schüchterne Signale zu senden, um Frauen mehr Zugang zu beruflichen Laufbahnen in der Wissenschaft, der Technologie, im Ingenieurwesen und der Mathematik zu ermöglichen. 67 Prozent der Personen, die 2017 einen Abschluss in diesen Bereichen erlangt haben, sind Männer.

Durch die Kolpingarbeit konnten und können wir erreichen, dass mehr Frauen, besonders aus den ländlichen Gebieten, Zugang zu Schulungen bekommen, zum Beispiel beim Nationalen Bildungsinstitut (Instituto Nacional de Aprendizaje) und an Universitäten. Dies kennzeichnet ein deutliches Vorher und Nachher in ihrem Leben.

Vielen Dank für dieses Interview, Deine Zeit und Deine Bereitschaft dazu. Das Kolpingwerk in Costa Rica befindet sich auf einem, langen, steinigen, aber auf dem richtigen Weg. Herzlichen Dank für deine Arbeit!

Vielen Dank für die Möglichkeit. Es war mir eine große Freude!

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