„Sozialer Wandel dauert 70 Jahre. Die haben wir nicht mehr.“ - Kolping-Interview zum Thema Nachhaltigkeit

06. Jan 2022

„Sozialer Wandel dauert 70 Jahre. Die haben wir nicht mehr.“ - Kolping-Interview zum Thema Nachhaltigkeit

Fridays4Future – in kürzester Zeit ist diese Bewegung zum Synonym für bürgerliches Engagement für den Klimaschutz geworden. Um die jungen Menschen zu unterstützen, die dort aktiv sind, haben sich weitere Initiativen gegründet. Unter anderem die Christians4Future. „In unserer Rolle als Christ*innen haben wir uns dieser Bewegung angeschlossen, um gemeinsam für diese Ziele einzustehen und dafür zu sorgen, dass sie weitere Teile unserer Glaubensgemeinschaften erfassen“, heißt es auf der Internetseite. Die Christians4Future möchten lokal aktiv werden. Unter anderem in Soest, in der Mitte unseres Erzbistums. Dort haben wir Kerstin Werner und Dr. Franz-Josef Klausdeinken zum Interview getroffen, die Gründer*innen und Sprecher*innen der lokalen Christians4Future-Initiative.

Warum engagieren Sie sich und wie kam es dazu?

Kerstin Werner (KW): Ich habe seit meiner Jugend einen ressourcenarmen Lebensstil. Meine Familie hatte nie ein Auto. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr Vegetarierin. Aber was die anderen machten, war mir egal. Als meine Töchter bei Fridays4Future aktiv wurden, sagten sie mir: „Das reicht nicht, wenn Du nicht versuchst, andere davon zu überzeugen.“ Daraus entwickelte sich mein Engagement bei Parents4Future. Das war auch der Punkt, an dem ich dachte: „Kirche, ich erwarte mehr von Dir.“

Ich habe unsere Gemeinden gefragt, wo sie sich engagieren. Als Antwort bekam ich meist: „Wir müssen neutral bleiben. Wir dürfen uns nicht zu stark in den Vordergrund drängen. Wir würden damit anderen auf die Füße treten.“ Eine Pfarrerin der reformierten Gemeinde hat sich aber zurückgemeldet und gesagt, auch für sie sei das ein brennendes Thema. Wir haben zusammen den Arbeitskreis Kirche und Klima gegründet. Dabei war klar, das Ganze soll ökumenisch sein.

Dr. Franz-Josef Klausdeinken (FJK): Ich bin in einem Arbeitskreis der Kommune, dem Klimanetzwerk Soest. Mich sprach ein Presbyter aus diesem Arbeitskreis an: „Wollen Sie bei uns mitmachen?“ Ich bin eingestiegen und es hat sehr viel Spaß gemacht. Dort habe ich Kerstin wiedergetroffen und festgestellt: Wir kennen uns seit 28 Jahren.

KW: Unsere Kinder haben zusammen Abi gemacht. Wir waren zusammen im Tanzkurs. Aber wir wussten es namentlich nicht mehr so genau.

FJK: Das war der Schulterschluss und wir haben viele kleine Projekte zusammen gemacht. In der Corona-Zeit haben wir eine Draußen-Krippe gemacht. Das war für mich eine Sternstunde. Wenn wir in die Sozialräume gehen und dort gezielt Initiativen ansprechen, gibt es keine Berührungsängste. Da wurde mir klar: Kirche ist noch das, was sie sein soll. 

Zu dem Zeitpunkt konnten wir uns nur draußen versammeln. Wir haben eine Andacht gefeiert, mit 50 Leuten bei Schneetreiben. Ein Drittel katholisch, ein Drittel evangelisch, ein Drittel nicht konfessionell. Da habe ich gemerkt: Kirche hat so viel Potenzial, Kirche kann so viel bewegen, aber wir müssen uns aus dem Gebäude heraus bewegen und wieder das sein, was Kirche eigentlich ist.

Wie wurden Sie dann Christians4Future?

FJK: Der Arbeitskreis hat sich mit den Vorbereitungen einer Klimawoche „Sieben Tage für die Schöpfung“ beschäftigt. Wir haben gemerkt, dass wir Öffentlichkeitsarbeit machen müssen. Zunächst wollten wir auf irgendeiner Webseite Unterschlupf zu finden. Aber wir hatten so viele Informationen, Veranstaltungen und Aktualisierungen, da konnten wir uns nicht auf Dritte verlassen. Dann kam Anfang Juli die Idee, eine eigene Webseite zu machen. Damit ging der Gedanke einher, Christians4Future zu werden.

KW: Zusätzlich zu dem Gedanken, Klimaschutz zu betreiben und das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, bringen wir den christlichen Hintergrund mit. Es geht darum, die Schöpfung zu bewahren. Als wir beschlossen haben, uns als Christians4Future Soest vorzustellen, und gemerkt haben, es gibt hier auch die Churches4Future, haben wir eine Webseite entwickelt, die „cc4f“ heißt, also Christians and Churches4Future Soest. Dann haben wir uns an den Bundesverband gewandt. Die waren begeistert, weil genau in dieser Region Leute gesucht wurden, die sich engagieren. So schnell entwickelt sich eine neue Initiative. Der große Vorteil ist: Es ist keine Vereinsstruktur, sondern ein loser Zusammenschluss. Wir können uns schnell in verschiedenen Konstellationen treffen. Jeder kann mit seinen Kräften und seinen Möglichkeiten einsteigen.

"Der große Vorteil ist: Es ist keine Vereinsstruktur, sondern ein loser Zusammenschluss. Wir können uns schnell in verschiedenen Konstellationen treffen. Jeder kann mit seinen Kräften und seinen Möglichkeiten einsteigen."

Kerstin Werner

Was die Entwicklung des Ehrenamtes angeht, liegen Sie damit genau im Trend.

KW: Wir glauben, dass wir Menschen gewinnen, wenn sie nicht in feste Strukturen gepresst werden, sondern in ihren Interessen angesprochen werden und die Möglichkeit haben, Projekte mitzumachen. Zum Beispiel zu sagen: „Jetzt engagiere ich mich für die Klimawoche, und dann entscheide ich, ob und wann ich wieder dabei bin.“ Oft bleiben sie dann bei uns. Aber sie wünschen sich mehr Freiheit für ihr Mitwirken.

Ein Meilenstein war die Übergabe Ihrer Forderungen am 16. September in Paderborn. Was genau ist da passiert?

FJK: Die Christians4Future haben zwölf Forderungen, mit denen die Bistümer und Landeskirchen angesprochen werden sollten. Die Aktion am 16. September fand bundesweit an 30 Orten statt, unter anderem in Paderborn und in Bielefeld. Da ist viel durch den Blätterwald gerauscht. Das war auch gewünscht. Im Erzbistum Paderborn waren Prälat Thomas Dornseifer als stellvertretender Generalvikar, Dr. Annegret Meyer als Bistumsentwicklerin und Maximilian Schultes von der „Fairen Gemeinde“ dabei. Sie haben sich Zeit genommen, die Forderungen zu reflektieren. Wir haben auch miteinander gesprochen über das Thema: Wie kann Kirche sich weiterentwickeln? Das war ein tolles Gespräch.

KW: Das Gleiche galt für Bielefeld, wo die evangelische Präses die Forderungen entgegen genommen hat. Hier in Soest haben wir es geschafft, den Probst und den Superintendenten zusammenzubringen. Es waren immer die Spitzen, die unsere Forderungen angenommen haben. Das war sehr eindrucksvoll.

Die Übergabe von Forderungen ist immer etwas Symbolisches. Ist die Botschaft bei den Empfängern angekommen?

FJK: Es gibt ein ganz konkretes Ergebnis. Es gibt das Zielbild 2030+. Das ist eine Weiterentwicklung des Zukunftsbildes unseres Erzbistums. Im November gab es den Diözesantag, der digital stattgefunden hat. Danach gab es Workshops zu unterschiedlichsten Themen mit jeweils etwa 100 Teilnehmern. Aus diesen Erfahrungen hat man jetzt das Zielbild 2030+ entwickelt. Es enthält einen Passus, der sagt: „Unsere Schöpfungs- und Weltverantwortung äußert sich in einer konsequent nachhaltigen Gestaltung von pastoralem und kirchlichem Leben.“ Da steht kein „vielleicht“ und „sollte“ und „müsste“, sondern ein Rufzeichen. Aus diesem Papier erfahren wir einen Handlungsauftrag und können Dinge einfordern. Das macht das Papier so wertvoll.

KW: Das ist der Druck von unten. Es wird enger und niemand kann sich mehr rausreden. Wir sind so verblieben, dass es Anschlussgespräche geben soll. Der Druck, der daraus entsteht, dass die Bürger sagen: „Wir wollen am Gemeinwohl ´mitwirken und wir wollen das aus christlicher Perspektive“ – das ist neu, auch für die Kirche, diese Auseinandersetzung mit Christen an der Basis.

Ein Beispiel dafür, wie Demokratie im besten Sinne funktioniert …

FJK: Partizipation ist ein essentielles Thema, wenn ich Transformation gestalten will. Ich muss die Menschen einbinden, ich muss erklären, motivieren. Ich muss Visionen entwickeln. Die Forderungen sind nicht neu, aber jetzt noch mal verdichtet. Und ganz neu jetzt: Es gibt Feedbackschleifen. Die Kommunikationskanäle aus der Fläche an die Leitung werden umgestaltet.

KW: Wenn man sich die Kirche anschaut, muss man sagen, sie setzt genau auf die zwei Gruppen, die wegsterben, und die vielen Gruppen, die sie gewinnen könnte, hat sie nicht im Blick. Am Ende bleiben kaum Leute über, die bereit sind, an Kirche mitzuarbeiten. Ich glaube, dass Christians4Future etwas ist, wo Kirche authentisch das lebt, was sie vermittelt, was Sie in der Bibel gleich auf Seite 1 nachlesen können.

"Partizipation ist ein essentielles Thema, wenn ich Transformation gestalten will. Ich muss die Menschen einbinden, ich muss erklären, motivieren. Ich muss Visionen entwickeln."

Dr. Franz-Josef Klausdeinken

Was bedeutet Ihnen Ihre christliche Motivation?

KW: Es geht nicht mehr nur darum, dass ich eine Plastiktüte aufhebe und auf die eine oder andere Autofahrt verzichte. Wir steuern auf eine Katastrophe zu. Aus diesem Gefühl, es nicht mehr aufhalten zu können, entsteht das Bedürfnis nach Hoffnung. Ich brauche einen spirituellen Teil, sonst drehe ich durch. Das erdet mich wieder. Wenn wir miteinander Andacht feiern oder ich bei einer Predigt zur Ruhe kommen kann, trägt mich das weiter.

FJK: Ein wichtiges Element ist die Wirksamkeit. Es kann nur über lokale Projekte gehen, bei denen meine Einflussmöglichkeiten gewaltig sein können. Es gibt ein Wohngebiet im Soester Norden, 600 Wohneinheiten sollen da entstehen. Der Stadtentwicklungsausschuss hat im ersten Anlauf abgelehnt, die Energieanforderungen zu verschärfen. Dann haben wir alle Studien zusammengetragen, die beweisen, dass es wirtschaftlich ist, KfW 55 umzusetzen. Und siehe da, plötzlich hat die Stadt zugesichert, das KfW 55 Mindeststandard wird. Vier Leute haben das bewirkt. Auf der einen Seite das wissenschaftliche Arbeiten, auf der anderen Seite Emotionalität, Begeisterungsfähigkeit und Überzeugungsarbeit – das ist die Kombi, damit es funktioniert.

Aber wohin mit dem Gefühl der Ohnmacht, im Großen gar nichts bewegen zu können?

KW: Grundsätzlich hat der Klimaschutz in einer Bürgerbewegung seinen Ursprung. Deshalb finde ich, es lohnt sich, politisch aktiv zu werden. Das nimmt mich aus der Ohnmacht.

FJK: Man kann privat etwas tun. Aber das sieht ja keiner, merkt ja keiner. Ich glaube, es ist wichtig, dass man öffentlich wird. Wenn jeder sein Licht unter den Scheffel stellt, wird es ziemlich duster.

KW: Das musste ich erst lernen. Es ändert sich nur etwas, wenn ich nach außen trete und für meine Positionen einstehe. Wenn jeder schaut, in welchen Institutionen er sich bewegt, kann sich etwas verändern. Das finde ich sehr ermutigend, denn wir haben nur noch acht Jahre, bis wir die 1,5 Grad reißen.

Aber jetzt kommt der Punkt, an dem die Menschen merken: Klimaschutz könnte mich persönlich Geld kosten und Einschränkungen bedeuten.

KW: Wir werden nicht alle davon überzeugen. Es wird viel diskutiert in Richtung „Gutes Leben für alle“. Soziale Gerechtigkeit ist etwas, womit Kirche punkten will. Aber wie wollen wir das tun, wenn wir einen Lebensstil pflegen, der im Globalen Süden die totale Ausbeutung zur Folge hat? Wir haben über Jahre dazu beigetragen, dass die Situation dort so ist, wie sie jetzt ist. Jetzt schwappt es zu uns rüber, aber wir sagen: „Ach, das an der Ahr, das war ein Jahrtausend-Hochwasser, das hat mit dem Klimawandel nichts zu tun.“ Stimmt aber nicht. Es wird näher rücken. Wir möchten das sichtbar machen.

FJK: Bei der Klimawoche gab es ein grünes Picknick. Jeder brachte etwas mit, es gab Musik, wir haben Essen und Getränke getauscht und hatten drei Stunden völlige Entspannung. Es müssen nicht immer diese Riesenevents sein. Es geht darum, wieder ein bisschen Mönch zu sein oder Nonne. Die wesentlichen Dinge mehr in den Vordergrund zu stellen: Geselligkeit, Menschlichkeit, Regionalität. Plötzlich hatten alle den gleichen Flow. Verhaltensänderung heißt nicht Verlust, sondern heißt, etwas Neues zu entdecken.

Es gibt bestimmt Menschen, die sich davon nicht überzeugen lassen.

KW: Die Mitte ist die Chance, das Ruder rumzureißen. Wenn die sich vielleicht zu der Seite bewegen, wo es hin muss. Und dann andere mitnehmen, weil es plötzlich Mainstream wird.
Ist das Ihr Ziel: nachhaltiges Leben zum Mainstream zu machen?

FJK: Die bürgerliche Mitte – das sind die, die auf die anderen schielen. Wenn ich es schaffe, dass ich dort zehn, 15 Prozent gewinne, auch Multiplikatoren, gibt es eine Riesenchance, dass ich einen großen Prozentsatz der bürgerlichen Mitte bewegen kann.

KW: Nehmen Sie zum Beispiel die Lastenfahrräder. Da wird gerade etwas zum Mainstream. Plötzlich denken Eltern: „Ich muss nicht mehr mit dem SUV zum Kindergarten fahren, sondern es ist cool, mit einem Lastenfahrrad zu fahren.“ Das sind kleine Ansätze. Ich weiß noch aus meinem Studium: Sozialer Wandel dauert 70 Jahre. Die haben wir nicht mehr.

Vielen Dank für das Gespräch!

Datenschutzhinweis

Unsere Webseite nutzt externe Komponenten (Schriften von Fonts.com, Google Fonts, Youtube- und Vimeo-Videos, Google Maps, OpenStreetMaps, Google Tag Manager, Google Analytics, eTracker). Diese helfen uns unser Angebot stetig zu verbessern und Ihnen einen komfortablen Besuch zu ermöglichen. Durch das Laden externer Komponenten können Daten über Ihr Verhalten von Dritten gesammelt werden, weshalb wir Ihre Zustimmung benötigen. Ohne Ihre Erlaubnis kann es zu Einschränkungen bei Inhalt und Bedienung kommen. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.