"Lebensmöglichkeiten zu eröffnen, ist eine Form der Nächstenliebe" - Interview mit Prof. Wilhelm Tolksdorf

10. Jun 2026

"Lebensmöglichkeiten zu eröffnen, ist eine Form der Nächstenliebe" - Interview mit Prof. Wilhelm Tolksdorf

Welche Bedeutung haben Werte in unserer Gesellschaft? Welchen Wert hat Kolping für die Gesellschaft? Und wie kann Kolping dazu beitragen, die Gesellschaft zu gestalten? Mit seinem Vortrag zum Thema "werteorientierte Bildung" hat Prof. Wilhelm Tolksdorf bei der Frühjahrskonferenz von Kolping Paderborn Mitte Mai wertvolle Impulse unter anderem zu diesen Fragen gegeben. Wir haben dieses spannende Thema in einem Interview mit ihm vertieft.

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt: „Handeln ist die wichtigste Herausforderung für das Christentum in der heutigen Zeit“. Wie können wir als Kolping handeln?

Kolping hat sehr, sehr viele Möglichkeiten, Christsein in der Gesellschaft zu leben. Helfen, begleiten, für andere Menschen da sein, auf die Not der Zeitgenossen eingehen. Das hat Adolph Kolping in seiner Zeit gemacht. Für unsere Zeit gilt das auch. Kolping kann sich auf das Charisma seines Gründers berufen. Als Christen dürfen wir optimistisch sein, denn wir vertrauen einem Gott, der uns begleitet. Aus dieser Hoffnung heraus und vom Charisma des Gründers beflügelt, können wir in einer Gesellschaft, die durch Pluralität und Unterschiede gekennzeichnet ist, starke und wirksame Projekte angehen. 

Diese Projekte können schlicht und einfach sein. Die Bandbreite reicht von der Nachbarschaftshilfe über Stadtteilfeste bis hin zu Initiativen, bei denen sich Kolping beispielsweise mit Vertreterinnen und Vertretern des kommunalen Lebens zusammentut und so ein Stück neuer Lebenskultur vor Ort bewirkt. Vielleicht geht es dabei ganz konkret um einen neuen Spielplatz im Wohnviertel oder auch „nur“ um eine weitere Bushaltestelle, die für viele Anwohner gut erreichbar ist.

Das ist eine zeitgemäße Umsetzung des Kolping-Zitates: „Tut jeder in seinem Kreis das Beste, wird's bald in der Welt auch besser aussehen“.

Adolph Kolping hat sich im frühen 19. Jahrhundert um die Gesellen gekümmert, um Menschen, die in Wanderströmen auf der Suche nach Arbeitsplätzen heimatlos unterwegs waren. Kolping trieb die große Sorge um, dass die Wandergesellen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse unter die Räder kommen. 

Unsere Aufgabe heute ist etwas anders gelagert. Unser Auftrag ist es, uns der gesamten Gesellschaft zuzuwenden. Und Kolping kann das. Denn im Kolpingwerk hat die Gesellschaft als Ganze eine Heimat: Da sind die Mittelständler, da gibt es Schülerinnen und Schüler, da sind alte Menschen unter dem einen, großen Dach von Kolping. Dazu gibt es natürlich auch Menschen in der Arbeitswelt, die wir begleiten und fördern sollten. Und es gibt eben Dinge, die im Ehrenamt neu und wichtig werden. Themen und Arbeitsfelder, für die wir Kolping-Mitglieder aus ihren alten Gewohnheiten herauslocken sollten, damit sie an ihrem Ort, in ihrem Stadtteil aktiv werden.

"Unser Auftrag ist es, uns der gesamten Gesellschaft zuzuwenden. Und Kolping kann das. Denn im Kolpingwerk hat die Gesellschaft als Ganze eine Heimat."

Prof. Wilhelm Tolksdorf

Alte Gewohnheiten aufbrechen: Wie können wir das tun?

Learning by doing. Die alten Gewohnheiten sollten wir in Ehren halten. Menschen sind in einer bestimmten Zeit aktiv geworden und haben bestimmte Erlebniswelten ihrer Kolpingsfamilie verinnerlicht. Sie haben sich dafür stark gemacht mit ihrer Freizeit, mit ihrem Arbeitseinsatz. Das ist hoch anzurechnen. Auf die Fragen: „Warum kommen keine neuen Leute? Haben wir Fehler gemacht?“ antworte ich immer, dass die Kolpingfamilien keine Fehler gemacht haben. Sie haben in einer bestimmten Zeit bestimmte Entscheidungen getroffen und Formen des Miteinanders entwickelt, die heute noch wirken, aber möglicherweise in jüngeren Generationen nicht mehr tragen.

Ich glaube, Kolping hat eine Chance, wenn wir uns auf ungewöhnliche Projekte einlassen und neue Dinge ausprobieren. Ungewöhnliche Aktionen im öffentlichen Raum machen neugierig. Dabei wäre es sinnvoll zu schauen, welche Erwartungen die Generation der 35- bis 45-Jährigen an ihr Leben und an die Gesellschaft hat. In diese Phase fallen Familiengründung, Berufswege, erste Erfahrungen in Trennungsprozessen, die die Familie bedrohen. 

Wir sollten genau hinschauen, welche Erwartungen, Bedürfnisse und Nöte gerade diese Menschen prägen. Und daraus für unsere Aktivitäten und Jahresprogramme Rückschlüsse ziehen. Uns werden nicht die Massen zufliegen. Aber wir sollten uns immer wieder in Stadtteilen mit vielen Neubausiedlungen, in Kirchengemeinden, die sich neu aufstellen, gut umschauen, sollten immer wieder auf Leute zugehen und ihnen in aller Offenheit und Freundlichkeit begegnen. Ich bin sicher: Unsere Mitmenschen haben uns etwas zu sagen. Ein Verband braucht die Fähigkeit, von der Gesellschaft zu lernen, von den Erfahrungen der Menschen, von den Dingen, die die Menschen umtreiben. Das wäre ein gutes Übungsfeld.

In der Gesellschaft erleben wir aktuell sehr viel Dissens; extreme Positionen nehmen zu. Wie können wir dem entgegenwirken?

Auf mehreren Ebenen. Auf der Ebene eines Verbandes wäre denkbar, Fachleute zu befragen, die erläutern und erhellen können, warum derzeit in unserer Gesellschaft eine so aggressive Stimmung herrscht, warum die Leute sehr schnell im Internet anonym Dinge posten, die nicht schön sind, die beleidigend wirken. Vor Ort, auf der Ebene einer Kolpingsfamilie, zählt meines Erachtens immer noch die Mitmenschlichkeit. Dort, wo Menschen offen, herzlich, frei und transparent miteinander umgehen, wächst Vertrauen, wächst Miteinander. Dort, wo sie sich engagieren und spüren: „Was wir tun, bewirkt etwas, davon haben alle etwas“. 

Ein so glaubwürdiges gesellschaftliches Engagement kann im Mikroklima helfen. In meiner Straße, meiner Kirchengemeinde, in meiner Kolpingsfamilie können damit Spaltungen oder Aggressionen abgebaut werden. Geschieht das an vielen Orten, entspannt sich auch die Gesellschaft.

Dürfen oder sollen Kolpingsfamilien politisch sein?

Das hängt davon ab, was man unter Politik versteht. Ich gehe davon aus, dass Kolping auf ganz eigene Weise politisch ist und handelt. Sich für Andere einzusetzen, etwas in einer Pfarrgemeinde, in einem Stadtteil zu bewegen, ist ein Mitgestalten des öffentlichen Raumes zum Wohl der Allgemeinheit. Das nenne ich politisches Handeln. 

Mein Rat ist, sich an die politischen Entscheidungsträger vor Ort zu wenden, beispielsweise in der Bürgervertretung zu schauen, wo wir konkret bei uns Lebenskultur steigern können. Ich sprach bereits davon: Ich denke da an den kleinen Erholungspark in der Nähe, ich denke da die Bushaltestelle, die etwas tiefer gelegt werden sollte, damit sie endlich barrierefrei ist. Es sind oftmals die kleinen Dinge, mit denen wir Menschen begleiten und ihnen ein Stück Lebenszufriedenheit schenken. An Strukturen mitzuarbeiten und Lebensmöglichkeiten zu eröffnen, ist eine Form der Nächstenliebe. Wir dürfen mitdenken für die Gesellschaft und uns mutig auf das Gespräch mit der Gesellschaft einlassen, gerade auch auf das Gespräch mit Andersdenkenden.

"Ein Verband braucht die Fähigkeit, von der Gesellschaft zu lernen, von den Erfahrungen der Menschen, von den Dingen, die die Menschen umtreiben. Das wäre ein gutes Übungsfeld."

Prof. Wilhelm Tolksdorf

Meinen Sie damit das, was Sie in Ihrem Vortrag als Netzwerken benannt haben?

Netzwerken spielt auf zwei Ebenen. Zunächst bedeutet Netzwerken, sich auf einer allgemeinen Ebene zu vernetzen, das heißt Kontakte zu pflegen, Barrieren niedrig zu halten, die zwischen Religionen oder Kulturen bestehen können, damit sich ein Gemeinschaftsleben verwirklichen kann. Auf einer zweiten Ebene denke ich an Strukturen. Dafür ein Beispiel: In Zeiten pastoraler Umbrüche tendieren die Verantwortlichen in unseren Diözesen dazu, Großräume entstehen zu lassen, aus finanziellen und personellen, aber auch aus sozialräumlichen Gründen. Aus dieser Erfahrung heraus rate ich dazu, dass ein Verband wie Kolping sich möglichst konkret mit den wichtigen Orten und pastoralen Aktivitäten in einem Netzwerk „Pastoraler Großraum Sankt XY“ vernetzt. Etwa so, dass das Programm einer Kolpingsfamilie auf das Profil und die Bedürfnisse eines Pastoralraumes sorgfältig abgestimmt wird, gleichzeitig aber die Kolpingsfamilie aus dem Großraum heraus Impulse und Anregungen für die eigene Arbeit „mitnimmt“. Ich vermute: Wer sich heute nicht vernetzt, an dem werden Entwicklungen vorbeigehen; der hat keine Chance, Entwicklungen zu prägen und zu begleiten.

Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Nicht alle, weil sie nicht gläubig sind. Entsteht da für uns eine neue Zielgruppe: Menschen, die eine neue spirituelle, geistliche, pastorale Heimat suchen?

Ja, so ist das. Zunächst einmal: Eine große Zahl von Menschen hat das Vertrauen in die römisch-katholische Kirche verloren. Ich denke da an den Missbrauchsskandal. Ich denke an verschleppte Reformen und Erneuerungsprozesse in der Kirche. Ich glaube aber auch, dass uns derzeit wirklich eine ganz neue Zielgruppe zuwächst. Das sind die Verunsicherten, die sich abgewandt haben, die aber nichtsdestotrotz nach einem spirituellen Rahmen suchen. Das sind aber auch ganz viele Menschen, und das dürfte eine viel größere Gruppe sein, die mit dem Glauben bislang überhaupt nicht in Kontakt gekommen sind. Die nicht wissen, was wir an den sogenannten christlichen Feiertagen wie Pfingsten oder Fronleichnam feiern, die nicht wissen, was die Christen bewegt, umtreibt, woran sie eigentlich glauben. 

Der Blick in eine beliebige Kindertagesstätte bei uns im Ruhrgebiet gibt bereits einen guten Einblick, was ich damit meine. Hier kommen Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Religionen und Kulturen zusammen. Hier versuchen Menschen, ein Miteinander zu leben, miteinander unterwegs zu sein und voneinander zu lernen. Das ist nicht immer konfliktfrei, lohnt aber. Denn: Die Menschen, denen wir begegnen, haben eine Lebensgeschichte, haben Erfahrungen. Wenn ich Christ bin, darf ich darauf vertrauen, dass Gott in diesen Lebensgeschichten wirkt und uns etwas sagen möchte. Und als Christ darf ich auch von meinem Glauben und Hoffen erzählen. Und Menschen darin begleiten. Es gilt, die Zeichen der Zeit zu deuten, zu lernen und sich auf Neues einzulassen. Kolping ist dafür ein guter Ort.

Das heißt, wir müssen sehr individuell mit den einzelnen Kolpingsfamilien in die lokalen Gegebenheiten und in die Strukturen schauen.

Das ist die große Chance von Kolping: dass wir vor Ort, unserem Naturell und unseren Erfahrungen entsprechend Dinge gestalten können. Dass es eben nicht nur die berühmte Gießkanne mit Segnungen gibt, mit denen uns ein Bistum oder ein Diözesanverband beschenkt, aber uns eben auch manchmal Dinge auferlegt. Natürlich muss auch das mitunter sein, etwa in Fragen der Finanzen und des Personals. Aber die regionalen Besonderheiten machen immer noch die Würze von Kolping aus. Und die jeweiligen Traditionen, die das Fundament für die Wege sind, auf denen wir Neues wagen und ausprobieren sollten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Prof. Dr. Wilhelm Tolksdorf lehrt an der Theologischen Fakultät Paderborn Fundamentaltheologie. Er ist Kolping-Bezirkspräses im Diözesanverband Essen, Präses der Kolpingsfamilie Essen-Zentral und Vize-Präsident der Internationalen Deutschen John Henry Newman-Gesellschaft e. V.

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