„Digitalisierung bedeutet einen Wandel der Kultur“

21. Dez 2020

„Digitalisierung bedeutet einen Wandel der Kultur“

Einen Kaffee holen und den PC anschalten – damit beginnt oft der Arbeitstag im Büro. Durch den Corona-Lockdown wurde deutlich, dass Computer viel mehr können als Texte, Fotos und E-Mails zu verarbeiten. Wir freuen uns unter anderem über Videokonferenzen, Online-Fortbildungen oder Videobotschaften in den sozialen Medien.

Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt. Homeoffice ist ein zentrales Stichwort. Dadurch verändert sich auch unser Miteinander, sagt Ole Wintermann. Bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh leitet er das Projekt „Zukunft der Arbeit“. Wenn die Digitalisierung erfolgreich sein soll, muss sich unsere Kultur des Umgangs miteinander verändern – das ist seine These. Was das bedeutet, wie die Abgrenzung von Beruf und Privatleben gelingt und warum wir uns in der analogen Arbeitswelt manchmal wie Primaten verhalten, darüber haben wir mit Ole Wintermann im Interview gesprochen - per Videoschaltung.

Hat Corona die Digitalisierung und neue Arbeitsmodelle beschleunigt?

Auf jeden Fall. Corona wirkt als Katalysator. Das betrifft drei wesentliche Aspekte: unser alltägliches Leben, die Arbeit im Homeoffice und die Frage, wie Unternehmen ihre Angebote digitalisieren. Im Alltag fängt es mit Kleinigkeiten an. Zum Beispiel im Café, wo ich jetzt mit meinem Handy bezahlen kann und gleichzeitig dem Betreiber meine Daten übermittle.

Beim Homeoffice ist das passiert, wofür wir jahrelang geworben haben. Während des Lockdowns waren rund 30 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice. Und haben festgestellt, dass es für alle Beteiligten Vorteile hat. Vorher gab es vor allem auf Seiten der Arbeitgeber Vorbehalte. Plötzlich arbeiten Millionen Menschen zu Hause. Das spart Zeit, Geld und Stress. Wir haben erlebt, dass gerade die Unternehmen Probleme bekommen haben, die nicht zum Homeoffice bereit waren. Kurzarbeit, finanzielle Schwierigkeiten. Auch Unternehmen, die bislang schlampig waren bei der Digitalisierung, haben Probleme bekommen.

Zum dritten Aspekt: Vor allem im stationären Einzelhandel haben sich kreative Unternehmer – und das meine ich wörtlich: Menschen, die etwas unternommen haben – mit neuen Angeboten unabhängig gemacht von ihrer Laufkundschaft, die von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war. Oder nehmen wir das Beispiel eines Messebauers auch Schleswig-Holstein. Weil die Messen ausfallen, wird sein bisheriges Geschäft nicht mehr nachgefragt. Der Chef hatte sich privat ein schwimmendes Haus auf der Elbe gekauft. Dann entdeckte er, dass die Nachfrage danach sehr groß ist. Er hat sich umgestellt auf den Bau von Hausbooten. Heute kann er sich vor Aufträgen kaum retten.

Können Sie schätzen, wie viele Jahre uns all das bei der Digitalisierung nach vorn gebracht hat?

Es ist natürlich vor allem ein Bauchgefühl. Aber ich würde sagen, fünf bis sieben Jahre in diesem ersten Halbjahr 2020.

Beim Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben. Was können wir tun, um uns zu schützen und gleichzeitig die Potenziale zu nutzen?

Wir haben zu Beginn des Lockdowns Empfehlungen erarbeitet, die man in unserem Blog nachlesen kann. Wichtig ist, Rahmenbedingungen zu beachten. Es muss eine klare Trennung geben, auch räumlich, zwischen Arbeit und Privatem. Wenn ich arbeite, sollte die Tür zum Arbeitszimmer geschlossen sein – nicht verschlossen – und ich muss meiner Familie verdeutlichen: Jetzt arbeite ich. Das kann zum Beispiel durch ein Schild an der Tür geschehen. Ich muss mir Gedanken machen, wie ich meinen Arbeitstag zu Hause strukturiere. Dabei spielt auch eine Rolle, wann meine Partnerin arbeitet, wann die Kinder abgeholt werden müssen. Dazu ist eine gute Kommunikation notwendig.

Auch der eigene Biorhythmus muss berücksichtigt werden. Und mit dem Rhythmus der Kolleginnen und Kollegen abgestimmt werden. Es gibt Eulen und Nachtigallen. Auch das muss gut kommuniziert werden, ebenso wie die familiären Bedingungen der Beteiligten. Innerhalb eines Teams muss man sich zudem über die Art der Kommunikation einig werden und über die Kanäle, die dazu genutzt werden. Immer unter Beachtung des Datenschutzes. Das klassische Beispiel ist, dass Arbeitnehmer WhatsApp auf ihren privaten Handys nutzen, weil es auf ihren Diensthandys nicht erlaubt ist. Dafür braucht man verbindliche Absprachen.

Führungskräfte müssen lernen, dass sie mit Menschen zu tun haben, die selbst entscheiden können. Führungskräfte glauben immer noch, ohne sie gehe nichts. Jetzt stellen sie fest, dass sich die Teams selbst organisieren, sind überrascht und müssen sich daran gewöhnen.

Ist der Umgang miteinander lockerer geworden?

Ich gehe sogar noch weiter. In der analogen Arbeit gibt es Primatenregeln. Der Chef mit Anzug und Krawatte, der in der Besprechung am meisten und am lautesten spricht und andere unterbricht. Das sind Insignien der Macht, die deutlich machen sollen, wer der Silberrücken ist. In einer Videokonferenz wirken Krawatten eher albern. In einer Online-Dokumentation kann ich nicht laut sein. Auf digitalen Plattformen wird immer auf Augenhöhe miteinander geredet. Das verändert die Kultur des Umgangs. Entscheidend ist, wie Hierarchien zukünftig gestaltet werden. Das alte Führungsverständnis ist jedenfalls nicht mehr zeitgemäß.

Digitalisierung bedeutet also einen Wandel der Unternehmenskultur?

Genau. Echte Digitalisierung ist nur mit einem Wandel der Kultur überhaupt möglich.

In der Corona-Zeit ist vieles aus der Notwendigkeit heraus spontan entstanden. Auch Dinge, zum Beispiel Videos, von denen man heute sagt: Hätten wir sie besser nicht online gestellt … 

Wichtig ist erst einmal, dass es ein Ausprobieren gab und gibt. Einfach mal machen! In unserem Projekt sagen wir: Wir wollen nicht über die Zukunft der Arbeit reden. Wir wollen sie ausprobieren. Versuch und Irrtum sind der beste Weg. Das verursacht Konflikte und Fehler, fördert aber eine Kultur der Offenheit. Welche formalen Modelle sich letztendlich durchsetzen, werden wir sehen. Der Weg führt nur über Offenheit und eine flexible Gestaltung.

Eine wichtige Erkenntnisse ist auch: Mir muss immer klar sein, dass mein Gegenüber keine Maschine ist, kein Computer, sondern ein Mensch. Das hört sich einfach an, führt aber häufig zu Missverständnissen in Mails oder Chats. Mein Gegenüber ist ein Mensch, der eine Rolle erfüllt. Der in dieser Rolle mit mir spricht, persönlich aber vielleicht ganz anders über dieses Thema denkt. 

Leidet unter der Digitalisierung das soziale Miteinander?

Gegenfrage: Sprechen wir in diesem Videochat nicht als Menschen miteinander? Wir müssen akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich arbeiten. Manche wünschen sich die Kaffeepause, um mit anderen Menschen zu reden. Andere sind damit überfordert. Es gibt viele neue Arbeitsweisen, aber nicht die eine, die für alle gilt und richtig ist. Darüber zu reden ist wichtig.

Das Thema Kommunikation ist bei Ihnen sehr zentral.

Immer wieder. Manche Führungskräfte glauben, durch neue Plattformen und Kanäle könnten sie die Kommunikation in ihrem Unternehmen verbessern. Digitale Plattformen verbessern nicht unsere Kommunikation. Sie stehen ganz am Ende der Kette. Diese Tools sind immer nur ergänzend. Sie können nichts reparieren.

Bleiben sozial benachteiligte Menschen, die sich einen Computer oder einen Internetzugang nicht leisten können, auf der Strecke?

Das ist eine sehr deutsche Diskussion. Warum haben wir Millionen von Schülern bislang den digitalen Unterricht vorenthalten? Danach hat nie jemand gefragt. Die sind doch in ihrer Freizeit viel besser digital unterwegs als die meisten ihrer Lehrer. Bei sozial benachteiligten Menschen ist es die Aufgabe des Arbeitgebers, für den Zugang zur Digitalisierung zu sorgen.

Und das sehen die Arbeitgeber auch so?

Das müssen sie zukünftig. Sie schaden sonst ihrer eigenen Produktivität. Bei PC-Arbeitsplätzen ist das sogar sehr einfach. Statt des stationären PCs kauft der Arbeitgeber eben ein Notebook, dass der Mitarbeiter mit nach Hause nehmen kann.

Kurz skizziert: Wie sieht die Arbeitswelt in 20 Jahren aus?

Das sind sehr spannende Entwicklungen, die schwer vorhersehbar sind. Was uns beide betrifft: Schon in zehn Jahren sitzt Ihr Hologramm hier in der Lounge und wir sprechen miteinander. Dienstreisen werden schon heute hinterfragt. Messen werden in Zukunft nicht mehr notwendig sein. Warum soll ich irgendwo hinfahren, um tagelang in stickigen Hallen mit anderen Menschen zu reden? Was für ein Aufwand! Dazu kommt die Klimadebatte. Reisen und Messen sind extrem klimaschädlich.

Eine wichtige Rolle wird die Künstliche Intelligenz spielen, kurz KI. Wir nutzen KI für Übersetzungen. Für eine Schrift von 250 Seiten hat ein Übersetzer früher zwei Wochen gebraucht. KI erledigt das in wenigen Sekunden und liefert qualitativ hochwertige Ergebnisse. Der nächste Schritt von der Übersetzung zur Analyse ist nicht mehr weit. Schon jetzt gibt es KI, die ganze Texte mit einer Storyline, einer Dramaturgie, schreibt.

Dabei sprechen wir natürlich über Büroarbeitsplätze. Aber wir müssen uns klar machen: Arbeitsplätze in der Produktion sind in Deutschland schon jetzt die Minderheit. Wir sind längst eine Dienstleistungsgesellschaft.

Da bekommen nicht nur die Übersetzer Angst um ihre Arbeitsplätze.

Ganz klar, es gibt Berufe, die ersetzt werden. Der Übersetzer kontrolliert in Zukunft bestenfalls noch die Arbeit der KI. Generell gehen wir aber davon aus, dass Arbeit eher ergänzt als ersetzt wird. Ein Beispiel ist die Ada-App. Ich kann sie mir kostenlos aufs mobile Endgerät laden. Wenn ich krank bin, übernimmt sie die Anamnese, basierend auf Abfragen und einer umfassenden Datenbank. Mit dieser Diagnose kann sich der Arzt auf die Behandlung konzentrieren.

… und wird vielleicht sagen: Von einer App lasse ich mir doch nicht reinreden.

Klar, ich muss auf Menschen treffen, die offen dafür sind. Aber auch ein Arzt kann keine komplette Datenbank im Kopf haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview ist auch nachzulesen in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins PRAXIS & NAH. Die Ausgabe hat das Schwerpunktthema "Zukunft der Arbeitswelt". Mehr Infos über das Projekt der Bertelsmann Stiftung gibt es im Internet auf www.zukunftderarbeit.de.

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