„Es kommt auf die Vielfalt der Perspektiven an“ - Kolping-Interview zum Thema Geschlechtergerechtigkeit

18. Okt 2021

„Es kommt auf die Vielfalt der Perspektiven an“ - Kolping-Interview zum Thema Geschlechtergerechtigkeit

Wie divers sind Kirche und Verbände? Sind sie immer noch die Männerclubs, die sie früher waren? Oder wird der Wandel spürbar? Und wenn ja, wo? Diesen Fragen gehen wir in der Ausgabe 3/2021 unseres Magazins PRAXIS & NAH nach. Wir haben dazu mit zwei Frauen gesprochen, die sich für das Thema Geschlechtergerechtigkeit einsetzen. Esther van Bebber ist Diözesan-Caritasdirektorin. Kathrin Speckenheuer engagiert sich beim Erzbischöflichen Generalvikariat in Paderborn unter anderem in der Frauenkonferenz und im Frauennetzwerk. Beide gestalten die Entwicklungen in der Kompetenzeinheit Frauen mit.

Ist die Kirche immer noch ein solcher Männerclub, wie sie war?

Kathrin Speckenheuer (KS): In der Kirche sind viele Frauen aktiv, gerade im Ehrenamt. Im Erzbischöflichen Generalvikariat sind mittlerweile viele Frauen in leitenden Positionen. Aber wenn sich das Bistum auf die Fahne schreibt, Vielfalt und Diversität zu fördern, ist es hinderlich, wenn in den entscheidenden Gremien nur Männer einer bestimmten Altersklasse sitzen. So kann der Eindruck entstehen, das sei immer noch eine Männergesellschaft. Ausdifferenziert zeigt sich, dass viele Frauen etwas zu sagen haben.

Esther van Bebber (EvB): Die Caritas ist ohnehin ein „weiblicher Club“. Bei uns sind 80 Prozent Frauen tätig. Dieses Verhältnis dreht sich allerdings oft in den Führungsetagen. Ich stimme zu, dass dies ein Dilemma in der Außenwahrnehmung ist. Mir fällt es besonders auf, weil ich auf Fotos oft die einzige Frau bin. Da stehen fünf, sechs Herren im Alter 60 plus - und ich bin das einzige weibliche Gesicht. Ich glaube aber, es ist viel Sensibilität vorhanden, und es wird zunehmend Wert darauf gelegt darzustellen, wie bunt und vielfältig wir sind.

Sagen Ihnen Menschen, dass sich von außerhalb betrachtet etwas ändert?

KS: Das hängt davon ab, ob ich die Kirche vor Ort wahrnehme oder ob ich den kirchenpolitischen Kontext betrachte. In den Pastoralen Räumen kommt es darauf an, wie die Menschen in Leitungspositionen handeln. Im Generalvikariat wird wahrgenommen, dass viele junge Mitarbeitende, auch viele Frauen, den Laden „wuppen“. Wir haben viele Veranstaltungen, die Frauenförderung, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität fördern und dafür sensibilisieren.

EvB: Es sind die Bilder, die die eigene Sehgewohnheit verändern oder verstärken. Positiv wird wahrgenommen, dass sich viele Menschen bemühen, diese Wahrnehmung zu verändern. Wir haben vor einigen Jahren das Kompetenzteam für Geschlechtergerechtigkeit ins Leben gerufen. Das war erst eine kleine Irritation. Unter dem Motto „Braucht es das überhaupt?“ Je länger wir an diesen Themen arbeiten und auch mal den Finger in die Wunde legen, desto mehr verändert sich die Wahrnehmung.

"Im Generalvikariat wird wahrgenommen, dass viele junge Mitarbeitende, auch viele Frauen, den Laden 'wuppen'."

(Kathrin Speckenheuer)

Was genau macht dieses Kompetenzteam?

EvB: Es handelt sich um ein Dreierteam, zwei Kolleginnen und ein Kollege, also bewusst auch männlich besetzt. Der Auftrag ist, sich dem Thema Geschlechtergerechtigkeit anzunehmen und Änderungen anzuregen. Im Umgang mit Sprache, aber auch strukturelle Themen wie die Verortung in Satzungen und Gremien. Wir haben in unsere Mustersatzung für die Ortsebene, aber auch in unsere eigene Satzung geschrieben, dass die Gremien paritätisch besetzt sein sollen und dass die Aufsichtsgremien Zielgrößen formulieren. Alles das, was man in der gesellschaftlichen Debatte um Unternehmen, Aufsichtsräte und Vorstände mitbekommt.

Im Erzbistum gibt es viele Angebote, die sich an Frauen richten. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

KS: Unser Mentee-Programm ist ein Angebot für jüngere Mitarbeiterinnen. Es wird vom Hildegardis-Verein organisiert. Aus vielen Bistümern nehmen ein bis zwei Mentees teil. Zusammen machen sie Fortbildungen. Gleichzeitig wird jede Mentee von einer Frau in Führungsposition ein Jahr lang begleitet. Das bereitet gut darauf vor, eine solche Position zu verantworten. Bei unserer dritten Frauenkonferenz im März ging es darum, den Bistumsprozess 2030+ unter das Thema Geschlechtergerechtigkeit zu stellen. Im August hatten wir das Auftakttreffen des Frauennetzwerkes. 

Dann gibt es den Arbeitskreis Geschlechtersensible Pastoral. Unter anderem möchten wir Praxistipps geben, wie man Geschlechtergerechtigkeit vor Ort fördern kann. Auch mit Blick auf die Gremienwahlen im November. Aufgrund von Corona haben die Gremien ohnehin Probleme, Kandidaten zu finden. Da haben wir oft noch Männerclubs. Gleichzeitig sind an vielen Stellen vor allem Frauen engagiert, in der Erstkommunion zum Beispiel. Das liegt auch an der Sprache. Wenn man Tischmütter sucht, engagieren sich kaum Väter. Es geht darum, Menschen in den Blick zu nehmen, die das Potenzial für die eine oder andere Aufgabe haben.

Was nutzt das alles, wenn die Männer sagen: „Wir machen weiter wie bisher“?

EvB: Das ist ein wichtiger Punkt und deshalb war es uns wichtig, unser Kompetenzteam auch mit einem Mann zu besetzen. Die Männer müssen dafür brennen. Wir haben das stark wahrgenommen beim Thema Familienfreundlichkeit. Das ist bei vielen auf den ersten Blick ein Frauending. Aber je mehr unser Mann in die Bresche gesprungen ist, der längere Zeit Elternzeit genommen hat und aktiv dafür wirbt, desto wertvoller ist das. Man braucht viele Mitstreiter, die als Mann für Feminismus einstehen und die Geschlechtergerechtigkeit mit voran bringen.

Ist das eine Generationenfrage?

KS: Ich glaube, es ist ein gesellschaftliches Problem. Mein Mann arbeitet als Projektmanager. Als er vor fünf Jahren in der Firma angefangen hat, musste er seine Projekte sofort allein managen. Die Kollegin, die mit ihm angefangen hat, war erst mal unter der Obhut des Chefs – das ist niemandem aufgefallen. Als er etwas gesagt hat, wurde er als „Softie“ hingestellt. Solche Dinge müssen auch in unserer jüngeren Generation besprechbar gemacht werden. Die unbewussten Vorurteile müssen aufgebrochen werden.

EvB: Es kann sein, dass die gesellschaftliche Prägung in den Generationen eine andere ist. Ältere Menschen waren noch mit anderen Rollenbildern konfrontiert. Ich nehme allerdings wahr, aber das ist eine sehr persönliche Wahrnehmung, dass ältere männliche Kollegen, Freunde und Bekannte, die Töchter haben, die also die Geschlechterdiskussion in der Familie miterleben durften, Verfechter der Geschlechtergerechtigkeit sind. Es ist eine sehr persönliche Prägung, die vielleicht mit Generationen zu tun hat, aber viel eher mit dem eigenen Lebensweg und der Situation in der Familie.

"Die Männer müssen dafür brennen. Man braucht viele Mitstreiter, die als Mann für Feminismus einstehen und die Geschlechtergerechtigkeit mit voran bringen."

(Esther van Bebber)

Wie stehen Sie zur Debatte ums Gendern?

EvB: Ich dachte lange, das sei ein ideologischer Kampf, der mir nicht so wichtig ist. Wir haben uns dann im Kompetenzteam damit auseinander gesetzt. Ich habe mehr und mehr meine Haltung hinterfragt und geändert. Sprache prägt die Gesellschaft genauso wie Bilder. Es ist wichtig, in der Sprache bunter zu sein, eine Sprache zu finden, die alle Menschen anspricht. 

Es hilft aber nichts, das mit der Brechstange zu tun. Wir haben einen Sprachleitfaden herausgegeben, zu dem wir in diesem Jahr die Kolleginnen und Kollegen befragt haben: „Wie geht Ihr damit um? Stört er Euch?“ 80 Prozent haben teilgenommen, was ein guter Wert für Umfragen ist, die zwischen Tür und Angel nerven. Die meisten haben gesagt, es sei hilfreich, das Thema strukturiert aufzuarbeiten und Tipps an die Hand zu bekommen. Es gab natürlich auch andere Meinungen. Ich denke, wir sollten mit Sprache Gesellschaft nicht nur abbilden, sondern prägen.

KS: Sprache prägt Kultur und zeigt Haltung. Wenn ich eine andere Haltung einüben möchte, muss ich das kontinuierlich tun. Das Thema Gendern legt wichtige Themen dahinter offen. Wir arbeiten auch bistumsübergreifend mit den anderen Bistümern daran.

Inwieweit kann die Kirche oder ein Verband dabei prägend sein?

KS: Wir sind beide in der Kompetenzeinheit Frauen, die mit der Führungsebene des Bistums in engem Kontakt steht. Wenn wir Geschlechtergerechtigkeit wollen, müssen wir das auch leben. Aktuell sind wir dabei, für den Diözesantag im Oktober einen Flyer zu erstellen. Da ist Sprache ein wichtiges Mittel. Wir müssen darauf achten, dass es nach außen wirkt.

EvB: Die Frage ist: Mache ich es mit der Brechstange oder spiele ich mit der Sprache? Wir haben bei einer Pressemitteilung einmal bewusst verschiedene Formen, männliche und weibliche, in die Headline gepackt. Das haben die Medien so übernommen. Es ist möglich, es dosiert zu machen, zu überlegen, was im ersten Schritt konsensfähig ist. Dann kann man beim nächsten Mal einen Schritt weitergehen.

Was wünschen Sie sich für die nächsten fünf bis zehn Jahre?

KS: Mein Wunsch ist, dass das Thema noch mehr in den Pastoralen Räumen ankommt. Dass anders geschaut wird, wie Gremien und Projekte besetzt werden. Dass darauf geschaut wird, wer welches Potenzial mitbringt. Wir haben in den Pastoralen Räumen Frauen, die den Beerdigungsdienst machen, und das richtig gut. Sie werden sehr geschätzt. Manchmal ist es für Priester nicht einfach, wenn für Beerdigungen bewusst die Frauen angefragt werden und sie selbst nicht mehr. Ich wünsche mir, dass man das nicht als Konkurrenz sieht, sondern als Bereicherung. Dass jeder Mensch mit seiner Berufung wertgeschätzt wird, egal ob Mann, Frau oder was auch immer.

EvB: Ich wünsche mir, dass dieses Themenfeld noch stärker in den Fokus rückt, vor allem dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Dass die Talente eine andere Dimension bekommen und wir noch bunter werden. Dass die Fotos nicht mehr nur Krawatten zeigen, sondern Vielfalt, auch bei den Generationen. Das Geschlecht ist nicht alles. Es kommt auf die Vielfalt der Perspektiven an.

Vielen Dank für das Gespräch!

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