Künstliche Intelligenz durchdringt unseren Alltag – was bringt sie uns bei Kolping?

20. Jul 2023

Künstliche Intelligenz durchdringt unseren Alltag – was bringt sie uns bei Kolping?

„Stell Dir vor: Wenn Künstliche Intelligenz in ihrer Entwicklung symbolisch eine Länge von einem Meter hätte, hätten wir erst fünf Millimeter zurückgelegt.“ Mir gegenüber sitzt Julius Türich, Software-Entwickler aus Delbrück und Absolvent des Studienganges Kognitive Informatik an der Universität Bielefeld. Mit ihm unternehme ich eine gedankliche Reise durch die Welt der KI. Ein Satz bleibt mir besonders in Erinnerung: „ChatGPT ist längst veraltet. Der Stand der Technik verändert sich alle zwei Wochen.“

Ich erinnere mich an einen Besuch in Dortmund, gut ein Jahr zuvor. Im Wohnzimmer wurde ich Zeuge eines Gespräches zwischen Siri und Alexa. Die beiden Stimmen brauchten nur Sekunden, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

„Mich fragen sie nach dem Sinn des Lebens. Mit Dir wollen sie nur über das Wetter reden.“
„Du sammelst Daten. Das ist nicht in Ordnung!“
„Wo ist das Problem? Die stellen uns doch freiwillig in ihre Wohnungen!“

Dieser Dialog war kein spontaner und ich kam nicht zufällig dazu. Er wurde für die Ausstellung geschrieben, in der ich mich befand, und sollte deutlich machen, wie sehr Künstliche Intelligenz unser Leben durchdrungen hat. Was sie kann, was sie in Zukunft können wird und was das für uns Menschen bedeutet, war 2022 bei der DASA Arbeitswelt in der Ausstellung „Künstliche Intelligenz“ zu sehen.

„Die Technik an sich ist neutral“, betonten damals Magdalena Roß und Philipp Horst, die Kurator*innen der Ausstellung. „Erst ihr Einsatz durch die Menschen bringt eine Wertung. Zum Beispiel, wenn er von wirtschaftlichen Interessen geleitet wird.“ Und das wird er meist.

"Wenn Künstliche Intelligenz in ihrer Entwicklung symbolisch eine Länge von einem Meter hätte, hätten wir erst fünf Millimeter zurückgelegt."

Julius Türich, Software-Entwickler

An Künstlicher Intelligenz forschen Wissenschaftler fast so lange wie an Computern. Große öffentliche Aufmerksamkeit bekam sie 1997. Damals gewann der Computer „Deep Blue“ einen Wettkampf mit sechs Partien gegen Schach-Weltmeister Garry Kasparov. 13 Jahre später, 2010, konnte Siri zum ersten Mal die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Heute steuert Künstliche Intelligenz Saug- und Mähroboter, steckt hinter der Gesichtserkennung auf Fotos, spielt Internetnutzern individualisierte Werbung ein, hilft in Exo-Skeletten beim Heben und Tragen schwerer Lasten oder plant die Kapazitäten in den Fabriken weltweit produzierender Firmen. Sie trennt Müll viel genauer als Menschen. Um nur einige Beispiele zu nennen. „Das öffentliche Interesse an KI war eine Wellenbewegung“, erläutert Julius Türich. „Es kam alle fünf bis zehn Jahre auf und ebbte wieder ab. Zum ersten Mal flacht die Welle jetzt nicht mehr ab, weil die Technik im Alltag der Menschen präsenter wird.“

Eines liegt jeder KI zu Grunde: Daten werden gesammelt und ausgewertet, Muster gebildet, Rückschlüsse gezogen und darauf basierend Abläufe optimiert. Künstliche Intelligenz lernt, ohne dass Menschen darauf Einfluss nehmen. Sie kann Entscheidungen treffen – aber soll sie das auch? Beispiel Mobilität: An einer Station der Ausstellung in Dortmund saß ich in einem selbstfahrenden Auto. Ich musste Verkehrssituationen beurteilen. Ausweglose Situationen. Ein Unfall war unvermeidbar, Menschen sterben. Nun war ich dran: Soll das Auto die schwangere Frau, die Mutter mit dem Kleinkind und den Jugendlichen überfahren oder den Architekten, die Geschäftsführerin und die ältere Dame?

Künstliche Intelligenz

Zu der Frage, wie technische Entwicklungen mit ethischen Bewertungen verknüpft werden, forscht Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn. Sie ist Sprecherin des Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften und Leiterin des Arbeitsbereiches Gesellschaft, Kultur und technischer Wandel an der Universität Tübingen. „Die Ethik muss immer Partnerin der Technikgestaltung sein, denn Technikgestaltung ist immer Gesellschaftsgestaltung“, sagte sie in einem Interview für die PRAXIS & NAH. Sie weiß, dass der ethische Diskurs mit der technischen Entwicklung kaum Schritt halten kann: „In der Informatik fehlt eine Ausbildung in Geistes- und Sozialwissenschaften. Die ist komplett weggebrochen, weil das Thema Künstliche Intelligenz so neu, so dringend, so faszinierend ist. Ulrich Beck hat gesagt: Ethik ist nichts anderes als eine Fahrradbremse an einem Interkontinentalflugzeug.“

Noch völlig ungeklärt sind die rechtlichen Fragen, die sich aus der Anwendung Künstlicher Intelligenz ergeben. Wenn sie einen Text schreibt, ein fotorealistisches Bild oder ein Gemälde erstellt, wer hat daran das Urheberrecht? In Deutschland kann nur eine natürliche Person – also ein Mensch – Urheber eines Werkes sein. Ist es in diesem Fall der Betreiber der KI? Oder die Personen, mit deren Texten und Bildern die Maschine „gefüttert“ wurde und aus denen sie ihr eigenes Werk erstellt hat? Oder muss das Urheberrecht geändert werden, um den neuen Realitäten Rechnung zu tragen?

Bei der Frage, wie künstliche Intelligenz unsere Welt verändern wird, geht es nicht immer um Leben und Tod. In der Arbeitswelt werden die Folgen gravierend sein. Die Hälfte der Arbeit in der Industrie ist automatisierbar, 53 Prozent im Handel, 32 Prozent in der Bildung, 48 Prozent in der Unterhaltungsbranche und sogar 60 Prozent in der Landwirtschaft. Roboter Pepper, in der Ausstellung zu sehen, kann als Assistent in der Pflege eingesetzt werden. Seine Stärke ist die Kommunikation. Sein Aussehen ist bewusst niedlich, damit er auf seine menschlichen Gegenüber sympathisch wirkt.

"In der Informatik fehlt eine Ausbildung in Geistes- und Sozialwissenschaften. Die ist komplett weggebrochen, weil das Thema Künstliche Intelligenz so neu, so dringend, so faszinierend ist."

Prof. Dr. Regina Ammicht Quinn, Sprecherin des Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften

Natürlich wird die technische Entwicklung nicht nur Jobs kosten. Viele Berufe werden sich wandeln, neue werden entstehen. Menschen werden die Arbeiten erledigen, die nicht automatisiert werden können. „Wenn man die Entwicklung nicht verschläft, steckt darin viel Potenzial“, sagt Julius Türich. Für ihn ist KI auch eine Chance, um den Fachkräftemangel aufzufangen. Wandeln wird sich die Art, wie wir mit Computern arbeiten: „Sie wird stark auf Interaktion ausgelegt sein. Wir werden mit Computern umgehen wie mit Arbeitskollegen, werden mit ihnen kommunizieren und interagieren.“

Zum Schluss mache ich selbst den Versuch und beauftrage ChatGPT: „Schreibe ein Gedicht über Adolph Kolping.“ Nach drei Sekunden ist es fertig. Die ersten Wörter lesen sich gut: „Adolph Kolping, was für ein Mann! Er half vielen in Not und Bann. Er war ein Schreiner, doch hatte er mehr drauf, er gründete einen Verein, das war ein echter Lauf.“ Moment mal: Adolph Kolping – ein Schreiner? Er war doch Schuhmacher. Ich gebe bei Google die Suchbegriffe „Adolph Kolping Schreiner“ ein. Das zweite Suchergebnis verrät mir, dass das Kolping-Denkmal an der Minoritenkirche in Köln von dem Künstler Johann Baptist Schreiner stammt. Vielleicht ist das der Grund für den Fehler im Gedicht. Ich weiß ich nicht. Habe aber erfahren, dass Künstliche Intelligenz nur so gut ist wie die Daten, auf die sie zurückgreift und die sie bewertet. Und dass sie uns Menschen das Denken (noch) nicht abnimmt.

(Text: Mario Polzer)

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