„Spaß statt Pflicht“: Ehrenamtliche möchten mehr mitgestalten – in Zukunft auch digital

20. Apr 2021

„Spaß statt Pflicht“: Ehrenamtliche möchten mehr mitgestalten – in Zukunft auch digital

Ehrenamtliches Engagement verändert sich. Nicht nur bei Kolping und in der Kirche. „Wer junge Menschen für das Ehrenamt gewinnen möchte, muss wissen, dass sie sich oft nicht mehr über Jahre binden möchten“, sagt Alina Brinkmann. Sie und ihre Kollegin Konstanze Böhm-Kotthoff sind Referentinnen für Ehrenamtsförderung beim Erzbistum Paderborn. „Das Ehrenamt fördern heißt, die Talente und Begabungen der Menschen zu fördern“, stellen die beiden fest. Das bedeutet auch: auf die Wünsche und Vorstellungen der Ehrenamtlichen einzugehen, statt sie in bestehende Strukturen zu pressen. Welche Zukunft das Ehrenamt hat und warum die Corona-Pandemie viele Entwicklungen beschleunigt, darüber haben wir mit Alina Brinkmann und Konstanze Böhm-Kotthoff gesprochen.

Die gute Nachricht zuerst: Prozentual gerechnet nimmt das ehrenamtliche Engagement in Deutschland zu. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung steigt der Anteil der Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Aber diese Berechnung hat zwei Haken. Zum einen nimmt die Zahl der Menschen in Deutschland insgesamt ab – Stichwort: demografischer Wandel – und damit auch die absolute Zahl der Ehrenamtlichen. Zum anderen sind es gerade die Kirchen und ihr Umfeld, in denen selbst das prozentuale Wachstum nicht uneingeschränkt gilt.

„Die Gesellschaft verändert sich. Deshalb müssen sich die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt verändern.“ Davon ist Konstanze Böhm-Kotthoff überzeugt. „Wir erleben einen Wandel vom traditionellen Ehrenamt hin zu einem zeitlich begrenzten Engagement in einzelnen Projekten.“ Die Bewegung „Fridays for Future“ oder die vielerorts spontan organisierte Hilfe für Geflüchtete in den Jahren 2015 und 2016 seien zwei Beispiele dafür, dass Engagement spontan entstehe und dabei nicht an einen Träger gebunden sein müsse. „In beiden Fällen haben Menschen den Bedarf erkannt und ein Thema gefunden, für das sie sich engagieren möchten“, sagt Alina Brinkmann.

Für langjährige Ehrenamtliche ist ihr Tun oft identitätsstiftend. Jüngere Engagierte suchen neben dem spontanen Impuls auch den Spaß. Sie möchten mitgestalten, Ideen verwirklichen – und das am besten zeitlich befristet. Berufliche Pflichten und die zunehmende Mobilität, damit verbunden die Entfernung des Arbeitsplatzes vom Wohnort, lassen den Menschen weniger Zeit fürs Ehrenamt. „Zwei Drittel aller Engagierten haben höchstens zwei Stunden pro Woche Zeit dafür“, weiß Konstanze Böhm-Kotthoff. Das sei auch der Grund dafür, dass immer weniger Engagierte bereit seien, Ämter in Vorständen zu übernehmen. „Dabei ist die Kirche nur ein Player unter vielen.“ Die Auswahl an Möglichkeiten, ehrenamtlich aktiv zu werden, ist groß, und die Zeit eben begrenzt. „Also müssen wir uns fragen: Was können wir Interessierten bieten?“

Gestaltungsspielraum, Kommunikation, Wertschätzung und der Wille zur Veränderung – das sind für Konstanze Böhm-Kotthoff und Alina Brinkmann die Schlüsselbegriffe. „Gerade junge Menschen möchten sich nicht in Strukturen einfügen, sondern mitgestalten“, sagt Alina Brinkmann. Auf Seiten der Kirchen, Verbände und Vereine bedarf es dazu zunächst der Erkenntnis, dass sich die Rahmenbedingungen ändern müssen. Sie dürfen Interessierte nicht mit tradierten Erwartungen abschrecken oder überfordern. Aufgaben müssen klar beschrieben werden, dabei die Wünsche und Vorstellungen der Engagierten gehört und berücksichtigt werden. Wertschätzung und Anerkennung sind ebenfalls wichtig. 

„Allerdings“, betont Alina Brinkmann, „ist das eine bewusste Veränderung der Haltung. Das kann ich nicht in einem Kurs lernen. Höchstens den Anstoß dazu bekommen.“ Kurse zur Förderung des Ehrenamtes bietet das Erzbistum Paderborn an. Bei Bedarf beraten Alina Brinkmann und Konstanze Böhm-Kotthoff Gemeinden, Gruppen und Vereine und vermitteln Begleitung vor Ort.

„Corona ist Beschleuniger und Brennglas. In nur einem Jahr sind Dinge passiert, für die es sonst 20 oder 30 Jahre gebraucht hätte. Positiv wie negativ.“

Konstanze Böhm-Kotthoff

Stichwort Vorstandsarbeit: Auch die werde sich zukünftig nicht weiterführen lassen wie bisher. „Muss sie aber auch nicht“, sagt Konstanze Böhm-Kotthoff. „Posten können neu zugeschnitten und neu mit Inhalt gefüllt werden.“ Auch hierbei sollten die Talente und Wünsche der Interessierten einfließen und die Aufgaben klar beschrieben werden. „Ein Vorstandamt zu haben heißt nicht, dass ich zu jeder Veranstaltung den Kuchen backen muss, nur weil das früher so war.“ Eine ganz klare Empfehlung hat Konstanze Böhm-Kotthoff, damit der Wechsel im Vorstand gelingt: „Wer einen Posten abgibt, hält sich aus der Arbeit seiner Nachfolger*innen heraus. Akzeptieren Sie, dass andere Leute die Dinge anders angehen. Auch wenn das manchmal schwerfällt.“

Für ein spezielles Betätigungsfeld gebe es derzeit überhaupt keine institutionellen Angebote, stellt Alina Brinkmann fest: das digitale Ehrenamt. Eine Petition im Internet starten, online Spenden sammeln, die Internetseite oder den Twitter-Account eines Vereins betreuen – neben den klassischen ehrenamtlichen Tätigkeiten seien dies attraktive Aufgaben, gerade für die jüngere Zielgruppe. Ein Vorteil: „In unserer mobilen Gesellschaft kann ich diese Dinge für meinen Verein vor Ort von überall aus erledigen.“

Wertschätzung verdient auch das. „Einen Vergleich ‚Was ist wertvoller? Handwerkliche Hilfe oder digitale Dienstleistung?‘ darf es nicht geben.“ In diesem Zusammenhang spricht Alina Brinkmann an, dass sie den Begriff Engagement dem Wort Ehrenamt vorzieht. „Ehrenamt – mit der Betonung auf der Silbe Amt – passt nicht mehr. Das klingt nicht attraktiv für junge Zielgruppen, die sich engagieren möchten.“

Und wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf das ehrenamtliche Engagement aus? In vielen Vereinen liegt seit einem Jahr die Gemeinschaft brach. „Corona ist Beschleuniger und Brennglas“, sagt Konstanze Böhm-Kotthoff. „In nur einem Jahr sind Dinge passiert, für die es sonst 20 oder 30 Jahre gebraucht hätte. Positiv wie negativ.“

Derzeit könne niemand sagen, wann und wie es weitergeht. Aber klar sei schon jetzt, dass viele Aktivitäten, viele Gruppierungen „nach Corona“ nicht wieder aufleben werden. „Leider nutzen viele Träger die Zeit der Pandemie nicht für die Arbeit an neuen Konzepten“, stellt Konstanze Böhm-Kotthoff fest. „Es sind doch Dinge möglich, zum Beispiel digital, und ich kann Jede*n nur ermutigen, jetzt Pläne für die Zeit danach zu machen.“

Wichtig dabei: die Kontaktpflege. „Wer jetzt verschläft, Kontakte zu halten, wird es schwer haben, nach Corona Anknüpfungspunkte zu finden“, sagt Alina Brinkmann. Dabei gebe es positive Beispiele für Anruf-, Postkarten- oder Briefaktionen. Beide Expertinnen raten dazu, es beim Neustart nicht zu übertreiben. „Jetzt ist die Zeit, sich zu sortieren und zu schauen, was in Zukunft realistisch möglich ist. Nehmen Sie dabei die Leute mit, die sich engagieren möchten. Fragen Sie Ihre Ehrenamtlichen, ob und wie sie sich einbringen möchten, welche Ideen sie haben. Der Neustart wird kein bestimmter Zeitpunkt sein, sondern ein Prozess.“

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