Worte fasten - Geistlicher Impuls zur Fastenzeit von Diözesanpräses Sebastian Schulz

19. Feb 2026

Worte fasten - Geistlicher Impuls zur Fastenzeit von Diözesanpräses Sebastian Schulz

Vor ein paar Wochen saß ich in einem Café. Zwei Tische weiter unterhielten sich drei Menschen. So laut, dass ich unfreiwillig zum Zuhörenden wurde. Irgendwann fiel ein Satz über jemanden, der nicht anwesend war. Der Ton war leicht spöttisch, begleitet von einem lauten Lachen. Es war kein offener Angriff, eher eine beiläufige Bemerkung. Und doch war in diesem Moment etwas spürbar: Der Mensch, über den gesprochen wurde, war kleiner geworden.

Für solche Situationen gibt es viele Beispiele: ein Kommentar über einen Kollegen, eine ironische Bemerkung über eine Kolpingschwester, ein vorschnelles Urteil über Menschen in der Politik, ein scharf formulierter Post in sozialen Medien. Oft geschieht es beiläufig. Man fühlt sich im Recht. Man fühlt sich vielleicht sogar moralisch überlegen. Erst später merkt man, dass Worte Spuren hinterlassen.

Papst Leo XIV. hat in seiner Fastenbotschaft 2026 einen überraschenden Vorschlag gemacht. Für die vierzig Tage der Fastenzeit lädt er zu einer konkreten Übung ein. Er spricht vom Verzicht auf Worte, die verletzen und kränken. Er fordert dazu auf, die Sprache zu entwaffnen, auf scharfe Worte zu verzichten, auf voreilige Urteile, auf schlechtes Reden über Abwesende und auf Verleumdungen. Stattdessen solle man Freundlichkeit einüben. In der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz, in den sozialen Medien, in politischen Debatten, in den Medien und in den christlichen Gemeinschaften.

Dieser Vorschlag trifft einen empfindlichen Punkt unserer Zeit: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Debatten oft härter geführt werden als nötig. In politischen Auseinandersetzungen werden Gegner schnell zu Feinden erklärt. In sozialen Netzwerken genügen wenige Zeichen, um Menschen öffentlich abzuwerten. Kommentare werden geschrieben, die man einem Gegenüber von Angesicht zu Angesicht vielleicht nie sagen würde. Empörung verbreitet sich schneller als Nachdenklichkeit.

Worte sind nicht nur Schall. Sie schaffen Wirklichkeit. Ein abwertender Satz kann sich tief einprägen. Ein vorschnelles Urteil kann Vertrauen beschädigen. Ständiges schlechtes Reden vergiftet das Klima, zunächst unmerklich, dann dauerhaft.

Ebenso gilt das Gegenteil. Ein ruhiger Ton kann eine aufgeheizte Diskussion entschärfen. Ein differenziertes Wort kann verhindern, dass Menschen vorschnell in Schubladen gesteckt werden. Ein respektvoller Satz kann Würde bewahren, selbst in der Auseinandersetzung. Wir gestalten eben mit unseren Worten nicht nur Sprache, sondern auch das Klima, in dem wir leben.

Worte fasten bedeutet deshalb nicht, weniger zu sprechen, sondern bewusster. Es bedeutet, nicht jede Spitze auszuspielen, nur weil sie möglich ist. Nicht jedes Urteil sofort auszusprechen, nur weil es plausibel erscheint. Es bedeutet, sich zu fragen, ob ein Satz aufbaut oder niederdrückt, ob er verbindet oder trennt.

Vielleicht ist diese Form des Fastens anspruchsvoller als mancher Verzicht auf Süßigkeiten oder das auf das Feierabendbier. Sie verlangt Aufmerksamkeit im Alltag. Sie verlangt Selbstdisziplin im Gespräch. Sie verlangt die Bereitschaft, das eigene Temperament zu zügeln.

Veränderung beginnt nicht immer mit dem „ganz großen Auftritt“, sondern manchmal auch mit einem anderen Ton im nächsten Gespräch. Ganz egal, ob jemand unfreiwillig mithört, oder nicht.

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