"Einen schlummernden Riesen wecken: Wir können die Zahl unserer Mitglieder verdoppeln"

17. Feb 2026

"Einen schlummernden Riesen wecken: Wir können die Zahl unserer Mitglieder verdoppeln"

Mit bundesweit rund 200.000 Mitgliedern und 10.000 Mitarbeitenden in den Einrichtungen und Unternehmen ist Kolping ein wichtiger Akteur in Gesellschaft und Kirche. Vielen Aktivitäten in den Kolpingsfamilien, über alle Generationen hinweg, stehen jedoch der demografische Wandel, rückläufige Mitgliederzahlen und eine sich verändernde Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement gegenüber. Wie kann Kolping diese Entwicklungen gestalten? Wie bleiben wir auch zukünftig als Verband erlebbar? Das haben wir Bundessekretärin Alexandra Horster im Interview zu unserem Schwerpunktthema der Ausgabe 1/2026 gefragt.

Wie erlebst Du Kolping?

Zum einen als sehr vielfältigen, überaus engagierten Verband. Zum anderen mit einem sehr breiten Portfolio an Einrichtungen und Unternehmen. Das macht uns einzigartig. Wir sind nicht nur ein generationsübergreifender Mitgliederverband, sondern haben darüber hinaus eine Reihe gemeinnütziger und werteorientierter Unternehmen, die Kolping im Namen tragen, weil die Kolping-Idee durch und durch in ihnen steckt.

Ein riesiger Gemischtwarenladen. Macht es uns das schwerer, als „ein“ Kolping wahrgenommen zu werden?

Ich sehe darin eher eine Chance, die wir aber nicht bei jeder Gelegenheit beim Schopfe packen. Die Zugänge zu uns sind sehr unterschiedlich. Ich kann beispielsweise über meinen Urlaub in der Familienferienstätte zu Kolping kommen, über meine Umschulung oder als Eltern, weil Kolping Kitas unterhält. Oder vielleicht über die Schuhsammelaktion einer Kolpingsfamilie vor Ort. Es gelingt uns nicht immer aufzuzeigen, was alles hinter Kolping steckt und wie man noch mehr von und mit Kolping machen kann. Wir sind ein schlummernder Riese.

Wie können wir den wecken?

Es gibt auf Bundesebene und im Zusammenspiel mit Euch in den Diözesanverbänden die Idee, zielgruppenspezifischere Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Ich habe den Eindruck, dass wir mit unseren Magazinen, den Internetseiten und Flyern versuchen, von Jung bis Alt alle zu erreichen, und dabei hauptsächlich unsere Mitglieder. Bleiben wir bei dem Beispiel der Familienferienstätten. Dort machen Familien Urlaub, die sonst keine Berührungspunkte zu Kolping haben. Wie kann ich denen etwas an die Hand geben, das verdeutlicht, welche Angebote Kolping auch an anderen Orten hat? Dabei muss ich nicht alles präsentieren, sondern kann ihnen erst einmal zeigen, welche guten Angebote es für Familien gibt. Das gleiche gilt für junge Menschen, denen ich sage: Ihr kennt die Azubi- und Jugendwohnangebote, aber kennt Ihr die Angebote, die die Kolpingjugend macht? Wisst ihr, dass die Jugendgemeinschaftsdienste Workcamps und Freiwilligendienste anbieten? Wir sollten schauen, wie wir diese Altersgruppen präziser mit unseren Angeboten in Kontakt bekommen.

"Es gelingt uns nicht immer aufzuzeigen, was alles hinter Kolping steckt und wie man noch mehr von und mit Kolping machen kann. Wir sind ein schlummernder Riese."

Bundessekretärin Alexandra Horster

Auch wenn nicht alle am Ende Mitglied werden möchten?

Als Verband, der sich hauptsächlich über Mitglieder finanziert, kommen wir ohne Mitglieder nicht aus. Darum ist das immer erstrebenswert. Gleichzeitig braucht die Idee Kolpings Menschen, die sie gut finden und vorantreiben. Das können sie auch, ohne Mitglied zu sein. Eine große Fangemeinschaft zu haben, ist immer hilfreich, aber am Ende brauchen wir für den professionellen Teil der verbandlichen Arbeit Mitglieder.

Manche möchten sich eher projektbezogen als dauerhaft engagieren …

Eine Mitgliedschaft verpflichtet erst einmal zu nichts, sondern ermöglicht Engagement und Teilhabe an einem größeren Ganzen. Bei vielen Baby-Krabbelgruppen, die ein örtlicher Verein anbietet, musst Du auch eine Mitgliedschaft erklären, damit Dein Baby einen Platz kriegt. Wir müssen schauen, wie wir die Mitgliedschaft nicht als ein schlechtes Übel verkaufen, sondern als Möglichkeit, um am sozialen Engagement teilzuhaben. Wir müssen das Image von Mitgliedschaft aufbessern. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, jedes Mitglied direkt für Ämter zu verplanen. Jedes Mitglied kann uns fördern, indem es seine rund 40 Euro Mitgliedsbeitrag zahlt. Ich glaube übrigens nicht, dass es wirklich so schwer ist, Mitglieder zu finden. Durch persönliche Ansprache, und das ist immer das A und O, könnte es uns gelingen, unsere Mitgliederzahl zu verdoppeln.

Das ist eine Ansage.

Wenn jeder nur ein neues Mitglied generiert, hast Du die Anzahl verdoppelt. Ich habe immer unsere neuen Bierdeckel mit QR-Code dabei und es gibt keine Veranstaltung, von der ich nicht mit einem neuen Mitglied zurückkomme. Wir müssen unsere Leute wachrütteln, sich nicht zu schade zu sein, für die gute Sache Werbung zu machen. Es gibt Menschen, die sagen: „Ich beobachte schon länger, wie aktiv Du bei Kolping bist. Das finde ich gut. Warum soll ich nicht Mitglied werden?“
Dann ist es in Ordnung, dass Leute sagen: „Die Osterfreizeit organisiere ich gerne, ansonsten schaffe ich es von den Ressourcen her nicht.“ Bei uns sind alle willkommen, auch wenn sie sich nur mit kleineren Projekten einbringen können. Aber auch Mitglieder, die seit Jahrzehnten dabei sind und die bei jeder Gelegenheit begeistert vom Kolping erzählen und sich trauen, das nach draußen zu tragen, sind super wichtig für den Verband.

175 Jahre Kolpingwerk Deutschland - Jubiläumsfeier in Köln vom 2. bis 4. Mai 2025

„Kolping erleben“, dabei denke ich immer noch an das Jubiläum im vergangenen Jahr. Brauchen wir solche Großereignisse, um Kolping erlebbar zu machen?

Ich weiß nicht, ob die immer auf Bundesebene sein müssen oder vielleicht näher dran auf Diözesanebene, aber tatsächlich müssen wir Erlebnisräume schaffen. Wir haben auf Bundesebene kurz diskutiert, ob wir schon das nächste Event terminieren, damit die Leute sich darauf freuen können. Wenn wir so etwas in zwei Jahren noch einmal machen würden, kämen viel mehr Leute, weil die 7.000, die dabei waren, so begeistert davon erzählen, dass sie alle noch mal eine oder zwei Personen mitbringen – und schon hätten wir wieder ein großes Event. Die Möglichkeit zu haben, über den Tellerrand zu gucken, sich inspirieren zu lassen, zu sehen, dass all diese Menschen etwas verbindet … Du kannst mit allen, die einen orangenen Schal haben, reden, und bist direkt mit ihnen verbunden. Das ist es, was die Menschen dann zu Hause denken lässt: „Jetzt weiß ich wieder, wofür sich das lohnt.“

Wie aktiv erlebst Du die Menschen, wenn es darum geht, die Zukunft des Verbandes zu gestalten?

Viele sind sehr engagiert. Zwei Beispiele: Das erste sind die BuB-Teams in den Diözesanverbänden – BuB steht für: Beraten und Begleiten. Die unterstützen Kolpingsfamilien, die sich und ihre Arbeit in Frage stellen oder Schwierigkeiten haben. Zusammen schauen sie, wie es nach vorne gehen kann, was verändert werden kann, welche Inspiration es dafür braucht. Das zweite Beispiel ist der neue Bundesvorstand, der sich für eine ganz andere Arbeitsweise als bisher entscheidet. Der zusammen mit den Fachreferaten im Bundessekretariat nach Schwerpunkten schaut, wobei die Themen Mitgliedergewinnung und zielgruppengerechte Öffentlichkeitsarbeit neu in den Fokus kommen. Ich erlebe oft, meist in neuen Konstellationen von Verantwortlichen und Vorständen, dass es Motivation und Ideen gibt, zu prüfen, wo wir gerade stehen und was wir verändern müssen.

"Du kannst mit allen, die einen orangenen Schal haben, reden, und bist direkt mit ihnen verbunden. Das ist es, was die Menschen dann zu Hause denken lässt: 'Jetzt weiß ich wieder, wofür sich das lohnt.'“

Bundessekretärin Alexandra Horster

Es gibt die wachsende Zielgruppe der Menschen, die sich von der Kirche abwenden, weil sie mit der Institution nichts mehr anfangen können. Viele von ihnen suchen ein anderes Angebot.

Ja, das stimmt. Wir als Kolping können Menschen eine kirchliche Heimat sein, die keine Lust auf die Machtstrukturen der Kirche haben. Das müssten wir offensiver bewerben, trauen uns aber gerade noch nicht. Würden wir einen Flyer machen, mit dem wir werben: „Bei uns kannst du Kirche auf Augenhöhe leben“ – ich glaube, das würde funktionieren.

Ist das der Grund, warum wir auch in Zukunft Kolping brauchen?

Es gibt ein tiefes Bedürfnis nach Glauben, nach Gemeinschaft und Möglichkeiten, sich zu engagieren. Menschen haben ein Bedürfnis danach, etwas Gutes zu tun. Wir müssen zeigen, dass wir genau die Richtigen sind, bei denen das alles geht. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und denken. „Die Leute kommen schon zu uns.“ Das tun sie nicht. Die gezielte Ansprache ist wichtig, damit die Menschen wissen, dass sie bei uns diesen Ort finden, den sie suchen.

Bundessekretärin Alexandra Horster beim Jubiläumsfest "175 Jahre Kolping" im Mai 2025 in Köln.
Bundessekretärin Alexandra Horster beim Jubiläumsfest "175 Jahre Kolping" im Mai 2025 in Köln.

Wie stellst Du Dir Kolping in zehn bis 15 Jahren vor?

Nach wie vor groß. Vielfältig. Vielleicht ein bisschen verjüngt. Klimaneutral. Außerdem sehe ich Kolping nach wie vor als wichtigen Akteur in Kirche, auch oder gerade, weil wir uns manches Mal an Kirche reiben.

Notfalls auch ohne Kirche? Der Abwärtstrend dort geht weiter.

Wir sind und bleiben Teil unserer katholischen Kirche, auch wenn wir in Zukunft weniger oder keine finanzielle Unterstützung auf den unterschiedlichen Ebenen bekommen werden. Damit wird es weniger hauptamtlichen und hauptberuflichen Support für das Ehrenamt geben. Dadurch werden wir über andere Finanzierungsmodelle für unseren Verband nachdenken müssen. Vielleicht müssen wir italienisch denken, also die Menschen, die keine Kirchensteuer mehr zahlen möchten, motivieren, diese Beträge direkt an Kolping zu spenden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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