12. Aug 2026

Kunst und Kultur sind fester Bestandteil im Leben vieler Kolpingsfamilien. In der Ausgabe 3/2026 der PRAXIS & NAH zeigen wir anhand von Beispielen, wie das an verschiedenen Orten unseres Diözesanverbandes umgesetzt wird und zur sozialen Gemeinschaft beiträgt. Kunst und Kultur haben eine besondere Bedeutung, sagt die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Dr. Christine Regus: „Sie sind die Grundlage einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft.“ Welche Rolle das Ehrenamt dabei spielt, unter anderem darüber haben wir mit ihr gesprochen.
Welchen Wert hat Kultur für unsere Gesellschaft? Warum ist sie mehr als bloße Unterhaltung?
Wir Menschen brauchen Kunst und Kultur. Das sehen wir allein daran, dass uns kreatives Schaffen aus allen Zeiten und Regionen der Welt überliefert ist. Nicht nur für die Individuen, auch gesellschaftlich ist Kultur überaus bedeutsam: Eine Gesellschaft verständigt sich in ihrer Kultur über ihre Werte. Kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen sind Orte des Austauschs, teilweise der Auseinandersetzung, oft auch der Innovation.
Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte sollten wir uns immer wieder bewusst machen: Kultur ist kein Luxus, auf den man im Notfall verzichten kann, sondern die Grundlage einer lebendigen, demokratischen Gesellschaft. Bei der Kulturstiftung der Länder beschäftigen wir uns vor allem mit dem beweglichen materiellen Kulturerbe, also mit all den Kunstwerken und Kulturgütern, die in unseren Museen, Archiven und Bibliotheken bewahrt, erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ich sage bewusst „unseren“, denn das Kulturerbe in den öffentlichen Einrichtungen gehört uns allen. Kulturerbe ermöglicht Orientierung, stiftet Identität und macht Geschichte und gesellschaftliche Entwicklungen greifbar.
Kommt der Kultur in Zeiten multipler Krisen eine besondere Bedeutung zu?
Ja, unbedingt. In der heutigen Zeit lässt sich vielfach beobachten, wie Kultur zunehmend zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen wird und bisweilen versucht wird, sie für ideologische Zwecke zu vereinnahmen. In unruhigen Zeiten suchen viele nach einfachen Antworten oder sind geneigt, in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Umso wichtiger ist es, dass Kultur ein offener Raum bleibt, ein Ort, an dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse stattfinden können. Kultur fordert uns dazu heraus, uns auf Komplexität einzulassen. Sie stellt Fragen, regt zum Nachdenken an. In Deutschland haben wir dafür gute Voraussetzungen. Die Kulturhoheit der Länder ist eine Lehre aus unserer Geschichte. Sie sorgt dafür, dass Kulturpolitik auf Vielfalt, Dezentralität und demokratischen Entscheidungsprozessen beruht. Das ist ein hohes Gut, das wir gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung schützen und stärken müssen.
Wie verändert sich Kultur in einer diverser werdenden Gesellschaft?
Wir sollten uns zum einen bewusst machen, dass unsere Gesellschaft und damit unsere Kultur schon immer divers war. Kunst- und Kulturgeschichte war immer eine Geschichte von Austausch, Verflechtung und Veränderung. Davon erzählen materielle kulturelle Zeugnisse in Museen, Bibliotheken und Archiven. Zum anderen stellen sich Kultureinrichtungen immer wieder die Frage, ob ihre Angebote noch den öffentlichen Auftrag erfüllen, ob sie aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und die Bedürfnisse der Menschen, die hier leben, berücksichtigen. Spiegelt sich gesellschaftliche Vielfalt zum Beispiel in den Museumsammlungen, Ausstellungen und Vermittlungsangeboten ebenso wie im Personal und im Publikum wider? Welche Perspektiven wurden bislang erzählt – und welche vielleicht zu wenig berücksichtigt?
"Kultur fordert uns dazu heraus, uns auf Komplexität einzulassen. Sie stellt Fragen, regt zum Nachdenken an."
Dr. Christine Regus
Wie kann es uns gelingen, dass Kultur für alle – oder zumindest für sehr viele – Menschen erreichbar bleibt?
Wenn ich auf die Museen blicke, sehe ich, dass in den vergangenen Jahren bereits viel geschehen ist. Viele befinden sich seit Längerem in einem Öffnungsprozess und setzen sich intensiv mit der Frage auseinander, wie sie unterschiedliche Menschen besser erreichen und beteiligen können. Museen sind heute nicht nur Orte der Wissensvermittlung und kulturellen Bildung, sondern auch Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Dialogs. Um relevant zu bleiben, müssen sie unterschiedliche Lebensrealitäten und Rezeptionsgewohnheiten ernst nehmen, damit sich möglichst viele Menschen mit ihren Erfahrungen dort wiederfinden. Das gelingt durch zeitgemäße Vermittlungsangebote, partizipative Formate, digitale Zugänge und eine Kommunikation, die verschiedene Zielgruppen mitdenkt. Die Kulturstiftung der Länder unterstützt Museen seit vielen Jahren immer wieder mit Projekten in diesem Bereich. Zurzeit begleiten wir mit dem Programm PRISMA insgesamt 15 Museen aus ganz Deutschland bei der diversitäts- und teilhabeorientierten Organisationsentwicklung.
Welche Rolle spielt das Ehrenamt für die Kulturlandschaft in Deutschland?
Ich sehe zivilgesellschaftliches Engagement als eine tragende Säule unserer Kulturlandschaft. Wer sich ehrenamtlich engagiert, gestaltet immer mit und erlebt Selbstwirksamkeit. Das stärkt nicht nur die Einrichtungen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine von der Kulturstiftung der Länder beauftragte Studie der Maecenata Stiftung, die 2025 veröffentlicht wurde, hat ergeben, dass sich mehr als jede und jeder Dritte freiwillig engagiert, fast die Hälfte davon im Kulturbereich.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass viele Kulturvereine und -institutionen mit Nachwuchsmangel und Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Engagierter zu kämpfen haben. Das betrachte ich mit Sorge. Wie wertvoll das Engagement aus der Zivilgesellschaft ist, ist uns bewusst: Unser Freundeskreis unterstützt die Arbeit der Kulturstiftung der Länder seit über 25 Jahren mit großem Einsatz. Dafür bin ich persönlich sehr dankbar. Ähnliche Förder- und Freundeskreise gibt es an vielen Museen, Theatern oder Konzerthäusern. Ich kann nur dazu ermutigen, sich dort einzubringen, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten und dazu beizutragen, Kultur vor Ort lebendig zu halten.
"Ich sehe zivilgesellschaftliches Engagement als eine tragende Säule unserer Kulturlandschaft. Wer sich ehrenamtlich engagiert, gestaltet immer mit und erlebt Selbstwirksamkeit. Das stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt."
Dr. Christine Regus
Welche Rolle spielt Bildung für die Kultur und Kultur für die Bildung?
Bildung und Kultur gehören untrennbar zusammen. Kulturelle Bildungsangebote eröffnen Zugänge zu Kunst und Kultur, unabhängig davon, mit welchen Voraussetzungen ein Mensch aufwächst. Daher ist es unabdingbar, dass Schulen und Kultureinrichtungen eng zusammenarbeiten. Denn schon in der Kindheit werden die Weichen dafür gestellt, Kultur ein Leben lang mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Zugleich sind Kultureinrichtungen außerschulische Lernorte. Hier lässt sich Wissen nicht nur rein kognitiv vermitteln, sondern wird erlebbar gemacht, sei es ein Gemälde, ein Konzert oder die Theateradaption eines literarischen Klassikers.
Wie verändert sich Kultur durch die Digitalisierung? Ist die Digitalisierung Chance oder Risiko? Sind Soziale Medien eine Gefahr?
Die Digitalisierung hat ganz neue Möglichkeiten geschaffen, Kultur zu erleben und Kulturgüter zugänglich zu machen. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Bewahrung und Erforschung von kulturellen Zeugnissen; man denke zum Beispiel an schriftliche Originalquellen, die heute in digitaler Form für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und alle Interessierten im Internet zur Verfügung stehen. Das eröffnet neue Möglichkeiten der Teilhabe und des Wissensaustauschs.
Gleichzeitig erleben wir, dass digitale Technologien die Museumsarbeit selbst verändern. Ein großes Thema in den Museen ist derzeit der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Verantwortungsvoll angewendet, lassen sich mit KI vielfältige Angebote schaffen. KI ersetzt meiner Meinung nach keine Originale oder das Erleben von Kultur vor Ort, aber sie kann andere, auch spielerische Zugänge schaffen. Soziale Medien sind Ausdruck eines grundlegenden Medienwandels. Für viele Menschen sind sie heute der erste Ort, an dem sie sich informieren und inspirieren lassen.
Kultureinrichtungen wissen das und sind dort vertreten. Richtig genutzt, bieten soziale Medien eine große Chance, mit dem Publikum in den Dialog zu treten, Feedback zu erhalten und Menschen zu erreichen, die sonst vielleicht nicht den Weg in ein Museum oder Theater finden würden. Die entscheidende Frage ist heute nicht mehr, ob Kultureinrichtungen diese technischen und medialen Errungenschaften nutzen sollen, sondern wie sie sie bestmöglich und verantwortungsvoll im Sinne ihres gesellschaftlichen Auftrags einsetzen.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Das Interview führte Mario Polzer.)