02. Sep 2026

Wie schätzen die Menschen in Deutschland die Bedeutung von Kunst und Kultur ein? Zu dieser Frage geben die Liz Mohn Stiftung (Gütersloh) und das Meinungsforschungsinstitut forsa alle zwei Jahre den Relevanzmonitor Kultur heraus. Diese repräsentative Befragung liefert Einblicke in die Wahrnehmung, Nutzung und gesellschaftliche Bedeutung von Kulturangeboten. Für uns ordnet Dorothea Gregor diese Zahlen, Daten und Fakten ein. Sie ist bei der Liz Mohn Stiftung verantwortlich für den Relevanzmonitor Kultur.
Welchen Wert hat Kultur für unsere Gesellschaft?
Wir haben zweimal den sogenannten Relevanzmonitor Kultur erhoben, 2023 und 2025. Das ist eine bundesweite, repräsentative Befragung, die wir zu Beginn des Jahres 2027 erneut gemeinsam mit forsa durchführen werden. Dabei haben wir die Menschen gefragt, inwieweit Kulturangebote wichtig sind.
Die meisten Menschen schreiben Kultur eine wichtige gesellschaftliche Funktion zu. Sie ist demokratiefördernd, eröffnet neue Perspektiven, regt zum Nachdenken an, schafft Begegnungen zwischen Menschen. Und spendet Trost im Alltag. In der Corona-Zeit wurde sehr viel über die Systemrelevanz der Kultur gesprochen. Wir haben diese Frage in die Studie integriert. Kultur wird in einer demokratischen Gesellschaft wie unserer als sichtbar wahrgenommen. Und Kultur ermöglicht Erfahrungen, die weder durch politische Debatten noch durch soziale Medien ersetzt werden können.
Inwieweit spendet Kultur Trost im Alltag? Ist das in krisenbehafteten Zeiten besonders wichtig?
Das haben wir nicht explizit gefragt. Aber wenn wir die Ergebnisse lesen, sehen wir, dass viele Menschen Kultur gerade in unseren Zeiten sehr stark als Orientierung erleben. Krisen erzeugen Verunsicherung und Kultur kann diese Probleme nicht lösen. Aber es werden Räume geschaffen, in denen wir Erfahrungen teilen können, Dinge gemeinsam erleben können, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen. Das stärkt nicht nur den Einzelnen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Je komplexer unsere Gesellschaft ist, desto wichtiger ist Kultur.
Damit sind wir beim demokratiefördernden Wert von Kultur …
Kultur schafft Räume, in denen Utopien möglich sind, in denen gespielt werden kann, in denen Welten ausprobiert werden können. Man erkennt Demokratien sehr gut daran, dass Kunst und Kultur wirklich frei sind, dass sie nicht zu Propagandazwecken genutzt werden, nicht beschnitten werden. Das Besondere im gesamten deutschsprachigen Raum ist, dass wir Kultur stark mit öffentlichen Mitteln fördern, weil man wählen können soll, weil Kultur ermöglicht, dass sich unterschiedliche Menschen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Darin liegt ihre demokratische Kraft.
"Man erkennt Demokratien sehr gut daran, dass Kunst und Kultur wirklich frei sind, dass sie nicht zu Propagandazwecken genutzt werden, nicht beschnitten werden."
Dorothea Gregor
Das setzt voraus, dass Kultur im Idealfall für alle Menschen zugänglich ist. Wie können wir das gewährleisten?
Wichtig ist, dass wir eine große Vielfalt an Kulturangeboten haben, die flächendeckend sind, nicht nur in den urbanen Zentren, auch auf dem Land. Bei der Erreichbarkeit spielen außerdem Faktoren wie Preisgestaltung und Mobilität eine Rolle, gerade wenn man auf dem Land wohnt. Kultur muss unterschiedliche Lebenswirklichkeiten ernst nehmen. Es ist wichtig, dass es vielfältige Kulturangebote, von großen Theaterhäusern über kleine Projekte bis zu Heimatvereinen oder ähnlichem gibt. Dafür brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens, dass dies mit öffentlichen Mitteln gefördert und somit zugänglich gemacht wird, dass sich nicht nur die Dinge durchsetzen, die wirtschaftlich erfolgreich sind.
Welche Rolle spielt dabei das Ehrenamt?
Wenn wir über Kultur sprechen, denken wir zuerst vielleicht an Theater oder an Museen, Bibliotheken und so weiter. Tatsächlich entsteht kulturelles Leben vor allem dort, wo Menschen sich freiwillig engagieren, zum Beispiel in Musikvereinen, im Amateurtheater und in Kirchengemeinden – oder eben in Kolpingsfamilien. Unser Relevanzmonitor zeigt, dass Menschen kulturelle Erfahrungen als besonders wertvoll erleben, wenn sie aktiv beteiligt sind. Ehrenamt schafft genau diese Beteiligung. Das stärkt das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft und es beginnt schon in der Schule.
"Je früher ein Mensch mit Kultur im Verbindung kommt, desto wertvoller ist das für sein gesamtes Leben."
Dorothea Gregor
Welche Bedeutung hat Kultur für die Bildung?
Wer musiziert, singt, Theater spielt, entwickelt Fähigkeiten, die weit über die Kunst und über diese Momente hinausgehen. Deshalb sollten Kultur und Bildung viel enger zusammen gedacht werden. Im besten Fall fängt kulturelle Bildung im Elternhaus an. Aber wir wissen, dass viele Kinder nicht so aufwachsen, dass sie selbstverständlich Zugang dazu haben. Deshalb sind Kindergärten und Schulen unglaublich wichtig. Je früher ein Mensch mit Kultur im Verbindung kommt, desto wertvoller ist das für sein gesamtes Leben. Wenn ich dieses Angebot nicht früh mache, weiß dieser Mensch gar nicht, ob er es später fortführen oder ablehnen möchte. Erst einmal muss man dieses Angebot machen.
Kultur und Digitalisierung: Wie passt das zusammen?
Das wird viel diskutiert. Ich würde sagen, dass die Digitalisierung enorme Chancen eröffnet. Zunächst einmal in der Organisation, der Vernetzung und Verwaltung von Kultur. Ihre Frage zielt aber auch auf die Inhalte ab. Da sehe ich die Chance, neue Zielgruppen zu erreichen und Menschen unabhängig von ihrem Wohnort ansprechen zu können. Andererseits zeigt unser Relevanzmonitor, dass Menschen sich echte Begegnungen wünschen. Kultur ist wichtig als gemeinschaftliches Erlebnis. Da müssen wir genau hinschauen: Nur weil man anderthalb Stunden im selben Raum sitzt, ist das noch kein gemeinschaftliches Erlebnis.
Wir sollten Digitalisierung nicht als Ersatz verstehen, sondern als Ergänzung. Wie kann ich Menschen erreichen? Wie kann ich Menschen für etwas gewinnen, damit sie sich im wirklichen Leben begegnen? Interessant ist dabei die jüngste Kohorte unserer Befragung, die 18- bis 29-Jährigen. 43 Prozent sagen, sie wissen häufig nicht, wo sie Angebote finden, was mir als erstaunlich hohe Zahl erscheint, weil die alle täglich mit ihren Handys und den sozialen Medien in Berührung kommen.
Vielleicht ist das dieses Phänomen, dass gerade die junge Zielgruppe ein Übermaß an Zugänglichkeit zu Informationen hat. Kulturanbieter müssen sich noch intensiver die Frage stellen: Wie erreichen wir unsere Zielgruppen? Ich glaube, Kulturinstitutionen nutzen das digitale Marketing noch nicht umfangreich und gut genug für sich. Ressourcen fließen häufig stark in die Kommunikation mit Menschen, die die Angebote schon kennen und schätzen und natürlich in die eigentliche Produktion von Kunst und Kultur.
Wie gesagt, es ist sehr wichtig, dass es wirklich im Alltag der Menschen ankommt. Kultur ist nicht einfach nur das Sahnehäubchen der funktionierenden Gesellschaft, sondern ein ganz wesentliches Fundament.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Das Interview führte Mario Polzer.)
Dorothea Gregor ist Kulturmanagerin und ausgebildete klassische Sängerin. Bei der Liz Mohn Stiftung leitet sie Projekte im Bereich Kultur – von der Förderung und Begleitung junger Künstlerinnen und Künstler bis hin zu strategischen und strukturellen Fragestellungen im Kulturbereich.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst und Kultur und der Frage, wie kulturelle Angebote Menschen erreichen und für ihren Alltag relevant werden können. Sie verantwortet den Relevanzmonitor Kultur, eine repräsentative Bevölkerungsbefragung zur Bedeutung von Kultur in Deutschland, und arbeitet an der Vernetzung von Kulturpraxis, Institutionen und Politik. Zuvor war sie viele Jahre für die Bertelsmann Stiftung tätig.