Vertrauen – lebenswichtig für unsere Gesellschaft

19. Nov 2025

Vertrauen – lebenswichtig für unsere Gesellschaft

Unsere Gesellschaft steht unter Druck: Krisen, Konflikte, Informationschaos. Inmitten all dessen entscheidet eine unsichtbare Größe darüber, ob Menschen sich einander zu- oder voneinander abwenden: Vertrauen. Doch was bedeutet Vertrauen? Wie entsteht es? Und warum fällt es vielen heute so schwer? Prof. Dr. Martin Schweer, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta, widmet sich diesen Fragen. Er untersucht, wie Vertrauen in Beziehungen, Organisationen und in die Gesellschaft zurückkehren kann. Wir haben ihn gefragt, was Vertrauen ausmacht, warum es manchmal zerbricht und wie es neu wachsen kann. Ein Interview über die Kraft, die uns als Gemeinschaft zusammenhält.

Wann haben Sie zuletzt bewusst Vertrauen geschenkt?

Erfahrungsbasiertes Vertrauen geschenkt habe ich, indem ich mich vor wenigen Tagen zu einer sehr persönlichen Angelegenheit mit einem sehr guten Freund ausgetauscht habe.

Können Sie jemandem vertrauen, ohne es wissenschaftlich zu betrachten?

Ja, das kann ich schon. Ich beschreibe es jetzt nur wissenschaftlich. Letztendlich ist diese Entscheidung ein Vorgang, den wir alle kennen. Im Falle meines Freundes hat sich das Vertrauen über viele Jahre sukzessive aufgebaut. Deshalb weiß ich subjektiv, dass ich von dieser Person nicht enttäuscht werde.

Wie kamen Sie dazu, Vertrauen wissenschaftlich zu erforschen?

Die Entscheidung fiel im Rahmen meines Habilitationsprojektes. Ich war mir eigentlich sicher, dass dieses wichtige Thema schon sehr intensiv beforscht worden ist. Es war aber das Gegenteil der Fall. Vertrauen war in den 1990er Jahren ein vernachlässigter Forschungsgegenstand. Das hat sich inzwischen deutlich geändert, aber es gibt noch viele Facetten, die relativ wenig untersucht sind, weshalb ich bis heute meine Begeisterung für dieses Thema nicht verloren habe. Vertrauen mit all seinen Facetten fasziniert mich noch immer, denn Vertrauen wirkt positiv auf den Menschen.

Wie definieren Sie Vertrauen?

Als die subjektive Sicherheit, sich in die Hand einer anderen Person, einer Gruppe oder einer Institution begeben zu können, ohne dass es mir zum Schaden gereichen wird. Diese Überzeugung ist das Entscheidende.

Ist Vertrauen ein Gefühl oder eine bewusste Entscheidung?

Der Kopf spielt mit, aber auch die Gefühle, und Vertrauen realisiert sich im Verhalten. Wenn ich der Meinung bin, dass ich ein schwerwiegendes Problem mit Person X besprechen kann, fühle ich mich sicher. Die Haltung ist also mit guten Gefühlen verbunden. Als Ergebnis handele ich und bespreche das Problem tatsächlich mit Person X. Also: Vertrauen beinhaltet Denken, Fühlen und Handeln.

Gibt es wissenschaftlich gesehen Vertrauen in Institutionen, in politische Parteien oder in die Bundesregierung, oder in einen Sozialverband wie Kolping?

Das bezeichnen wir in der Forschung als systemisches Vertrauen. Letztendlich kommt dieses Vertrauen in ein System zustande über Vertrauen in Personen, die dieses System repräsentieren. Je mehr positive, vertrauenswürdige Erfahrungen ich mit Personen eines Systems mache, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesem System als solches Vertrauen schenke. Deshalb ist Vertrauen in der Kommunalpolitik leichter zu realisieren als auf Landes- oder Bundesebene, weil auf dieser Ebene intensiverer persönlicher Kontakt möglich ist. Es besteht andererseits die Gefahr, dass ich im Falle eines negativen Kontaktes diese Erfahrung auf das Gesamtsystem generalisiere.

"Je mehr positive, vertrauenswürdige Erfahrungen ich mit Personen eines Systems mache, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesem System als solches Vertrauen schenke."

Prof. Dr. Martin Schweer

Welche Bedeutung hat Vertrauen für unser gesellschaftliches Miteinander?

Eine ganz entscheidende. Unsere Gesellschaft hat eine Reihe von sehr komplexen Herausforderungen zu bewältigen. Denken Sie an die kriegerischen Auseinandersetzungen, denken Sie an die Wirtschaftskrise, an Generationengerechtigkeit und Klimawandel oder auch an den Umgang mit Diversität. Bei der Bewältigung dieser Herausforderungen kann ich als einzelner Mensch sehr wenig erreichen. Ich muss Kontrolle abgeben. Wenn ich den Eindruck gewinne, dass diejenigen, die für die Bewältigung der Herausforderungen verantwortlich sind, diese Herausforderungen aber nicht zielführend bewältigen, entstehen Gefühle von Unsicherheit und fehlender Kontrolle. 

Erlebter Kontrollverlust ist ein psychologischer Spannungszustand, den Menschen verändern wollen. Zur Wiederherstellung von Kontrolle können Alternativen attraktiv werden, die Lösungen anbieten – scheinbar einfache Lösungen auf sehr komplexe Fragestellungen. Es ist psychologisch durchaus logisch, aber dennoch fatal, dass kollektiv die Zustimmung zu Extremgruppierungen steigt, wenn die Probleme sehr komplex und herausfordernd sind. Das heißt, Vertrauen ist in diesen Situationen besonders wichtig, aber gleichermaßen besonders fragil.

Stichwort: fatal. Wie steht es um das Vertrauen in unserer Gesellschaft?

Wir wissen aus aktuellen Studien, dass das Vertrauen in die politischen Institutionen nicht sehr gut aufgestellt ist. Die Verantwortlichen tun gut daran, wenn sie sich nicht in erster Linie mit sich selbst beschäftigen, sondern stattdessen deutlich machen, dass sie die Sorgen der Menschen ernst nehmen und sich um tragfähige, nachhaltige Lösungen bemühen. 

Wie bereits erwähnt, wird Vertrauen umso zerbrechlicher, je komplexer die Herausforderungen sind und je stärker sie die Bevölkerung persönlich betreffen. Es gab immer schon kriegerische Auseinandersetzungen, aber wir fühlten uns davon nicht so bedroht, wie wir das im Moment tun. Generationengerechtigkeit, die Frage der Sicherheit der Renten, das sind alles Probleme, die Menschen massiv verunsichern.

Es ist wie bei einer Operation: Wenn ich die Narkose bekomme, kann ich nur noch vertrauen oder hoffen, dass ich wieder wach werde, und das Problem ist behoben.

Sie begeben sich vollständig in die Hand eines OP-Teams. Sie können in solchen Fällen zuvor eine zweite Meinung einholen, eine dritte vielleicht auch, aber irgendwann kommen Sie vermutlich um die Operation nicht herum. Sie müssen vertrauen und Kontrolle abgeben. Je mehr Sie davon überzeugt sind, dass das OP-Team seine Sache gut machen wird, umso weniger Ohnmachtsgefühle werden entstehen. Aber mit Blick auf die gesellschaftliche Gesamtsituation haben im Moment einfach zu viele Menschen den Eindruck, dass das OP-Team – um im Bild zu bleiben – nicht wirklich überzeugend ist.

"Kontrollverlust ist ein psychologischer Spannungszustand, den Menschen verändern wollen. Zur Wiederherstellung von Kontrolle können Alternativen attraktiv werden, die Lösungen anbieten – scheinbar einfache Lösungen auf sehr komplexe Fragestellungen."

Prof. Dr. Martin Schweer

Als katholischer Verband spüren wir, dass das Vertrauen in die Kirche schwindet.

Ich bin katholisch, durchaus engagiert und mache auch ehrenamtliche Dienste in meiner Pfarrei – und das sehr gerne. Ich habe die klassische Sozialisation als Messdiener, Lektor, Kommunionhelfer durchlebt. Vermutlich daher rührt meine wissenschaftliche Begeisterung für das Phänomen des Gottvertrauens. Viele Menschen wissen aus eigener Erfahrung, wie hilfreich diese Ressource gerade in belastenden Situationen sein kann. 

Das geschwundene Vertrauen in die Kirchen lässt sich auf andere Institutionen übertragen. Die Kirchen haben aber das zusätzliche Problem, dass die moralischen Ansprüche deutlich höher sind. Es ist meines Erachtens bisher nicht gut gelungen, offensiv mit Fehlern der Vergangenheit umzugehen. Mit Blick auf die Kirchen unterscheiden Menschen sicherlich oftmals nicht zwischen Fehlern, die Vertreter der Institution begehen, und den christlichen Überzeugungen, die sie besitzen. Beide Ebenen werden miteinander vermischt.

Das gipfelt dann in dem Satz: „Ich glaube an Gott, aber die Kirche brauche ich nicht mehr“.

Es kommt zur Abkehr von der Kirche, nicht selten auch zu Kirchenaustritten. Es ist wichtig, dass die Institution der Kirche sich sehr intensiv um ihre Vertrauenswürdigkeit bemüht.

Wie beurteilen Sie den Umgang der Kirche mit dieser Vertrauenskrise?

Das ist von Bistum zu Bistum unterschiedlich. Es gibt positive Beispiele, es gibt auch das Gegenteil. Manche Prozesse im Zuge des sogenannten Synodalen Wegs habe ich als irritierend erlebt, weil man wohl vergessen hatte, dass die katholische Kirche in Deutschland Teil der Weltkirche ist. Man kann grundsätzlich nur über Facetten verhandeln, die einen Verhandlungsspielraum zulassen. Ansonsten werden falsche Hoffnungen geweckt und Vertrauen erschüttert.

Ich brauche nicht mit einem Abteilungsleiter über Dinge zu sprechen, die nur der Geschäftsführer entscheiden kann …

Wir sind eine kleine Abteilung in diesem Unternehmen. Und viele andere Abteilungen sehen das völlig anders. Das kann man gut oder weniger gut finden. Aber mit einem solchen Vorgehen sind Frustrationen vorprogrammiert. Und ein Vertrauensverlust färbt auf die katholischen Verbände ab. Auch auf Kolping. Denn Kolping ist katholisch. Schon immer gewesen.

"Manche Prozesse des sogenannten Synodalen Wegs habe ich als irritierend erlebt, weil man wohl vergessen hatte, dass die katholische Kirche in Deutschland Teil der Weltkirche ist."

Prof. Dr. Martin Schweer

Kann ich lernen, wieder zu vertrauen?

Natürlich will ich das nicht ausschließen, aber es ist schwierig. Nehmen wir als Beispiel eine Partnerschaft und den Klassiker des Betrugs: Ihr Partner betrügt Sie, Sie entdecken den Betrug und versuchen, die schwierige Situation wieder ins Lot zu bringen. Der Betrug bleibt aber im Kopf. Es wird immer Situationen geben, die Sie daran erinnern. Es bleibt ein ungutes Gefühl. Grundsätzlich: Je transparenter und nachvollziehbarer ist, warum eine Person einen Fehler gemacht hat, umso eher ist die Wiederherstellung von Vertrauen denkbar. Aber man darf sich nichts vormachen: Nach einem massiven Vertrauensmissbrauch ist es schwierig, Vertrauen wieder herzustellen.

Was empfehlen Sie einer Institution, wenn es darum geht, Vertrauen wiederherzustellen?

Ehrlich mit den Fehlern umzugehen. Ganz klar zu sagen, an welcher Stelle Fehler gemacht wurden. Ganz klar zu sagen, was das Ergebnis daraus ist. Ganz klar zu sagen, dass die Fehler mit der Institution zu tun haben, denn häufig beziehen Institutionen Fehler auf einzelne Personen, die sie sich als Bauernopfer suchen. Manchmal habe ich das Gefühl, das Institutionen wie ein trotziges Kind reagieren, nach dem Motto: „Ich habe doch gesagt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Jetzt ist aber auch gut, und jetzt können Sie mir wieder vertrauen.“ So geht es selbstverständlich nicht. Man muss bereit sein, wieder klein anzufangen und sich Schritt für Schritt sowie in langfristiger Perspektive um das Vertrauen zu bemühen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Buchempfehlung

Martin K. W. Schweer:

Vertrauen – Selbstvertrauen – Gottvertrauen
Ressourcen der Auseinandersetzung mit einer komplexen Wirklichkeit

Erschienen 2021 bei Frank & Timme.

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