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Ein Beruf – ganz anders als seine Klischees

Jerome Holgate ist gerne Müller – und kämpft gegen Imageprobleme.

In Hille im Kreis Minden-Lübbecke, im nord-östlichen Randgebiet des Erzbistums Paderborn, arbeitet Jerome Holgate. Der 34-Jährige ist Müller. Wer ihn zum ersten Mal an seinem Arbeitsplatz, in der Mühle Meier-Hille, besucht, ist erstaunt. Keines der Klischees, die viele mit dem Beruf des Müllers verbinden, trifft zu. „Nein, wir treiben heute keine Esel mehr an oder warten verzweifelt darauf, dass endlich Wind weht, damit wir Korn zu Mehl mahlen können“, sagt Jerome Holgate. Auch die Mühle ist von außen kaum als solche zu erkennen: eher ein würfelförmiger Betonklotz als das romantische Bauwerk aus dem Freilichtmuseum oder dem Don-Quichote-Roman.

Jerome Holgates Arbeitstag beginnt zwischen 6 und 7 Uhr. Als Betriebsleiter ist er dafür verantwortlich, dass die Produktion reibungslos läuft. Die Aufträge priorisieren, Rohstoffe und Verpackungsmaterial bestellen, die Maschinen warten und wenn nötig reparieren, die Dienst- und Urlaubspläne der Mitarbeiter koordinieren – das sind seine wichtigsten Aufgaben. Kunden beraten oder einen Lkw beladen gehört ab und zu auch dazu. Bei Meier-Hille packen alle mit an.

Das Unternehmen ist ein Familienbetrieb mit Tradition. Die Geschichte der Mühle reicht bis 1897 zurück. Heute beschäftigt Geschäftsführer Heinrich Meier 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Mühle hat sich auf die Herstellung von Tierfutter spezialisiert. Bei einer Produktionslinie für Heimtiere und einer für Nutztiere werden von der Maus über Hühner und Hunde bis zu Pferden Tiere aller Größen satt. „Wir haben unsere Hausrezepte. Manchmal passen wir sie auch nach Kundenwunsch an“, erläutert Jerome Holgate. Über 400 Rohstoffe werden dabei verwendet. „Die Großkomponenten sind Mais, Weizen und Gerste, beim Hundefutter auch Komponenten tierischer Herkunft wie zum Beispiel Fleischmehl. Es gibt aber auch exotischere Zutaten wie getrocknete Mango, Bananenchips oder Papayablätter.“

Natürlich hat der moderne Müller nicht alle Rezepte im Kopf, er trägt sie auch nicht handschriftlich in einer Kladde mit sich herum. „Die Digitalisierung ist ein großes Thema“, sagt Jerome Holgate. „Alle Abläufe sind computergesteuert.“ Als Müller muss er also auch sehr gute PC-Kenntnisse haben.

Dass Jerome Holgate diesen eher seltenen Handwerksberuf überhaupt ergriffen hat, ist „reiner Zufall“. Nach der Schule wollte er eigentlich Industriemechaniker werden, fand aber keine Lehrstelle. „Meine Klassenlehrerin brachte mir dann eine Stellenausschreibung der Mühle Meier-Hille mit“, erinnert er sich. Nach einer Woche Probearbeit stand fest: „Das ist genau das Richtige!“ Er absolvierte die dreijährige Ausbildung und blieb noch sieben Jahre in Hille. Währenddessen bildete er sich an der Deutschen Müllerschule in Braunschweig zum Müllereimeister und zum Müllereitechnologen weiter. Offiziell darf er sich „Staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Mühlenbau, Getreide und Futtermitteltechnik“ nennen.

Es folgten berufliche Stationen bei anderen Futtermittelherstellern in Deutschland und Österreich. Eine wichtige Zeit mit vielen Erfahrungen. „Das Wandern ist des Müllers Lust – ja, dieses Klischee stimmt dann doch“, sagt Jerome Holgate und lacht. „Als Handwerker ist es wichtig, andere Arbeitsweisen kennenzulernen als die des Betriebes, in dem man ausgebildet wurde.“ Seit Mitte 2016 ist er nun wieder zurück in Hille und leitet die Produktion des Tierfutters.

Sorgen macht er sich um den Nachwuchs in diesem Beruf, der so schön, so abwechslungsreich, aber leider auch so wenig bekannt ist. Nicht so sehr für seinen eigenen Betrieb, denn schräg gegenüber liegt die Gesamtschule. „Wir haben immer wieder Praktikanten, auch Tagespraktikanten, und Ferienjobber, die die Arbeit bei uns kennenlernen möchten.“ Aktuell hat die Mühle zwei Auszubildende. „Auszubilden ist wichtig, eine Perspektive zu geben auch“, ist Jerome Holgate. „Deshalb bilden wir nur so viele junge Leute aus, wie wir nach erfolgreicher Abschlussprüfung übernehmen können.“ Seine Sorge ist eher allgemein. „Es gibt enorme Nachwuchsprobleme, weil der Beruf kaum bekannt ist.“ Viele Menschen wüssten nicht, an welchen Produkten des täglichen Gebrauchs Müller mitarbeiten. Zum Beispiel Cornflakes, Öl, Gewürze, Kaffee und sogar Beton. Entsprechend vielfältig sind die Arbeitsmöglichkeiten. „Ich kenne keinen einzigen arbeitslosen Müller“, fasst Jerome Holgate zusammen und ergänzt augenzwinkernd: „Es sei denn, er möchte das.“

(Hinweis: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die ungekürzte Version eines Beitrages aus der Zeitschrift „Praxis & Nah“ 3/2019, Schwerpunktthema Handwerk)