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„Ich möchte ein anderes Bild von Behinderung vermitteln“

Öner Ersin (32) aus Olpe sucht die Öffentlichkeit, um gegen Klischees zu kämpfen.

Der Anzug sitzt perfekt. Das Hemd ist farblich passend gewählt, die Lederschuhe auf Hochglanz poliert. Keine Frage: Dieser Mann legt Wert auf sein Aussehen und seine Garderobe. Der Blick in den Spiegel ist Pflicht, bevor er das Haus verlässt. Doch für Öner Ersin ist nicht etwa Eitelkeit der Grund dafür. „Normal gekleidet wurde ich früher nicht für voll genommen“, erinnert er sich. „Die Leute sahen meinen Rollstuhl und viele dachten: ‚Der hat nichts im Kopf.‘ Es ist eine Frage der Wertschätzung. Kleider machen eben Leute.“

Öner Ersin ist 32 Jahre alt. Er war ein Frühchen, wurde dreieinhalb Monate vor dem errechneten Termin geboren. „Ich war nur so groß wie eine Gabel“, erzählt er. Und weil Messer und Gabel im Café am Biggesee beim Gespräch mit ihm neben dem Teller mit der Waffel liegen, bekommt man eine Vorstellung davon, was das bedeutet. Als Folge der zu frühen Geburt hat Öner Ersin eine Tetraspastik, die seine Beweglichkeit stark einschränkt. „Die Spastik ist wie ein zweiter Mensch in mir, der immer das Gegenteil von dem macht, was ich möchte. Wenn ich ein Euro-Stück in die Hand nehmen möchte, wirft die Spastik es auf den Boden.“ Bei nahezu allen Dingen seines Alltags benötigt Öner Ersin Assistenz. Die bekommt er vom Team des Ambulant Betreuten Wohnens der „Brücke Südwestfalen“ in Olpe, ein Tochterunternehmen des Kolping-Bildungswerkes Paderborn. Rund um die Uhr ist eine persönliche Assistentin oder ein Assistent für ihn da.

Kleider machen Leute: Vor seinem Kleiderschrank wählt Öner Ersin zusammen mit seiner Assistentin Isabelle Kleta die zu seinem Anzug und Hemd passenden Schuhe aus.

Seit etwas mehr als einem Jahr hat Öner Ersin eine eigene Wohnung in Olpe. Schon seit seinem 18. Geburtstag war dies sein großer Wunsch. „Ich musste erst mal meine Eltern davon überzeugen. Die haben mir das nicht zugetraut“, berichtet er. Nach dem ersten Kontakt mit der „Brücke Südwestfalen“ vor etwa zweieinhalb Jahren hat er dieses Ziel dann konkret formuliert. Ist bei den Eltern ausgezogen und genießt nun die zentrale Lage seiner Wohnung und die Nähe zum Biggesee. Im Wohn- und Schlafzimmer steht auch sein Kleiderschrank. Der bietet Platz für 20 Hemden – „In jeder Farbe eins oder zwei“ –, zwei Anzüge und – „meine geheime Leidenschaft“ – 14 Paar Schuhe. Die Kleidung ist das äußere Zeichen für das Anliegen von Öner Ersin: „Ich möchte der Gesellschaft ein anderes Bild von Behinderung vermitteln.“

An zwei Tagen in der Woche arbeitet er in einer Werkstatt für behinderte Menschen im benachbarten Attendorn. Viel vom Rest seiner Zeit verbringt er damit, Vorträge zu halten. Er besucht Schulen und berichtet dort vom Alltag mit seiner Behinderung. Von den chronischen Schmerzen, die damit einhergehen, den Medikamenten, die er dagegen nimmt, der Ergotherapie, die er zwei Mal pro Woche hat. Aber auch vom Umgang der Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung. „Viele Menschen legen heute Wert auf materielle Dinge“, sagt Öner Ersin. „Ich versuche den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass schmerzfrei Luft holen zu können mehr Wert ist als ein teures Auto.“ Um seinen jungen Zuhörern wenigstens ein bisschen das Gefühl zu vermitteln, was Leben mit einer Behinderung bedeutet, dürfen sie sich in seinen Elektrorollstuhl setzen und das Steuer übernehmen. „Ich bitte sie dann, rückwärts zwischen zwei Stühlen einzuparken.“ Gar nicht so einfach, wie die meisten feststellen.

Zehn Kilometer pro Stunde schafft sein Rollstuhl, wenn Öner Ersin unterwegs ist. Zum Beispiel bei einer Runde um den Biggesee mit seinem Assistenten Andreas Schulz, der ihn mit dem Fahrrad begleitet. „Mein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit. Luft spüren. Unterwegs sein.“ Die Grenze setzt nur die Laufzeit des Akkus. Seine bislang weiteste Tour führte ihn nach Attendorn und zurück, 40 Kilometer. „Das war mega-anstrengend. Die Spastik macht mein Leben zu einem Dauerlauf im Sitzen.“ Bewusst muss Öner Ersin darauf achten, Anspannung abzubauen, um nicht zu verkrampfen. Er kennt seinen Körper, versetzt sich in Gedanken in bestimmte Situationen, um schnell darauf reagieren zu können, wenn sie eintreten. „Vieles ist Kopfsache. Stress und Ärger wirken sich negativ aus. Dem versuche ich entgegenzuwirken.“ Dass die Spastik mit zunehmendem Alter fortschreitet, kann er allerdings nicht verhindern. Viel Wissen hat er sich per Computer angeeignet. Ein „zwangsweises Hobby“, sagt er, denn wegen seiner Behinderung und der eingeschränkten Mobilität ist der PC auch eine Art „Tor zur Welt“.

In fünf Jahren hat Öner Ersin 20 Arbeitsjahre in der Werkstatt für behinderte Menschen voll. Dann darf er nach deutschem Sozialrecht in Rente gehen – und hat noch mehr Zeit für sein Anliegen, das Bild von Behinderung in der Gesellschaft zu ändern. Menschen, die ihn kennen, wundert es nicht, dass er sich schon als Model bei verschiedenen Agenturen beworben hat. Der Weg zur Veränderung führt für Öner Ersin über die Öffentlichkeit: „Ich möchte präsent sein. Anderen Menschen mit Handicap Mut machen. Ihnen zeigen, dass eine Behinderung auch eine Bereicherung sein kann.“

Öner Ersin unterwegs am Biggesee. Dabei wird er von seinem Assistenten Andreas Schulz begleitet. „Mein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit“, sagt der 32-Jährige.