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„Der Glaube an Jesus wird immer zeitgemäß sein“

Kirche der Zukunft als Netzwerk verschiedener Glaubensorte – Interview mit Monsignore Dr. Michael Bredeck (Erzbistum Paderborn).

„Kirchenaustritte auf historischem Höchststand“ lautete im Juni eine Schlagzeile, als die aktuellen Zahlen für das Jahr 2019 veröffentlicht wurden. Monsignore Dr. Michael Bredeck sieht darin eher eine Herausforderung für die Kirche als Organisationsform als eine Krise des Glaubens. Beim Erzbischöflichen Generalvikariat leitet Bredeck den Bereich Entwicklung und Kommunikation. Außerdem ist er für die Dauer des Synodalen Weges Ansprechperson für das Synodalbüro im Erzbistum Paderborn. Wie kann sich die Kirche in den kommenden zehn bis 15 Jahren entwickeln, damit der Glaube angesichts – oder gerade trotz – der prognostizierten Trends zeitgemäß bleibt? Darüber haben wir mit Msgr. Dr. Bredeck im Interview gesprochen.

Angesichts der Zahl der Kirchenaustritte drängt sich die Frage auf: Ist Glaube überhaupt noch zeitgemäß?

Der Glaube ist ganz sicher zeitgemäß. Das ist meine persönliche Überzeugung. Die Kirche als Organisationsform scheint für viele Menschen nicht mehr zeitgemäß zu sein. Das ist mehr als eine persönliche Überzeugung. Es ist die Überzeugung vieler Menschen. Aber ich glaube, man muss das unterscheiden.

Das kann die Kirche entweder hinnehmen oder versuchen, etwas zu tun. Was tun Sie?

Wir tun sehr viel daran. Aber es gibt kein Patentrezept. Wenn man das hätte, könnte man viel Geld damit verdienen. Einerseits ist der Glaube nach wie vor zeitgemäß, andererseits muss er vielen Menschen in den zentralen Aussagen neu erschlossen werden. Das scheint die Kirche derzeit nicht ausreichend zu tun. Das hat sicher damit zu tun, dass die Kirche sehr viel mit sich selbst beschäftigt ist, mit dem Umbau ihrer Strukturen und der Bewältigung vieler Krisen. Dadurch kommt der Glaube an Gott als Basis nicht mehr so durch. Es ist vielen Menschen nicht mehr ersichtlich, dass die Kirche vor allem dem Glauben an Gott dienen soll.

Gibt es positive Ansätze, wie das wieder gelingen kann?

Wir haben im Bistum mit dem Stichwort Evangelisierung versucht, die Suche nach neuen Wegen der Glaubensverkündigung und des Feierns des Glaubens herauszustellen. Wir unterstützen viele Projekte. So ist in den vergangenen Jahren das Format „Young Mission“ gewachsen, das Stephan Schröder mit dem Jugendhaus Hardehausen entwickelt hat. Es gibt viele weitere Projekte, auch in den Verbänden passiert viel. Darüber hinaus gibt es die diakonischen Projekte und die Ehrenamtsförderung. Wir haben mit unserem Reader Evangelisierung etwas sehr Wichtiges erarbeitet. Es wird kritisiert, dass es so viele Seiten braucht um zu erklären, was Evangelisierung ist. Aber das ist wichtig, um sich in unserem Bistum zu verständigen, welche Grundhaltung wir brauchen, um den Glauben an Jesus zu verkünden, und zwar so, dass er das Herz der Menschen berühren kann.

Monsignore Dr. Michael Bredeck

Wie wichtig sind die Menschen vor Ort, in den Gemeinden und in den örtlichen Gruppen der Verbände?

Das sind die allerwichtigsten Menschen. Das Erzbistum schafft die Rahmenbedingungen für die Menschen vor Ort. Diese Menschen sind das Medium, in dem der Glaube sich vermittelt. Wie sie sind, wie sie auftreten und was sie ausstrahlen – das ist es, was andere vielleicht berührt. Von den Menschen sollte eine erkennbare Spur zu Jesus führen. Deshalb sind die Menschen vor Ort – Hauptamtliche, Ehrenamtliche, ganz „normale“ Menschen, die vielleicht gar nicht aktiv sind – die wichtigste „Ressource“.

Stichwort „Young Mission“: Wie steht es um den Zugang junger Menschen zur Kirche?

Die Teilnahme der unter 27-Jährigen an Gottesdiensten ist, wenn man von Messdienern absieht, extrem gering. Jetzt gibt es die neue Shell-Jugendstudie. Sie beschreibt, dass die Kirche ein relativ hohes Vertrauen bei jungen Menschen hat. Anscheinend ist es so, dass dort, wo sich junge Menschen angesprochen fühlen von Menschen der Kirche, eine Beziehung wachsen kann. Das sind erst einmal widersprüchlich erscheinende Befunde. Wenn man das so schlagwortartig sagen darf: Die Jugend ist nicht kirchenferner als früher. Sie nutzt heute sehr viele digitale Formate und es kann sein, dass die Kirche Schwierigkeiten hat, dabei überhaupt vorzukommen im Leben eines jungen Menschen. Da sind digitale Wege, wie sie jetzt entwickelt werden, sehr wichtig. „YouPax“ ist meines Erachtens schon jetzt ein Erfolgsmodell.

Das heißt, die Kirche muss die jungen Menschen dort erreichen, wo sie sich bewegen?

Nicht nur die jungen Menschen. Die absolut größte Herausforderung für die Kirche ist es wohl, überhaupt im Leben von Menschen vorzukommen. Wenn wir nicht mehr vorkommen, können wir keine Zugänge zum Glauben an Gott generieren. Die große Herausforderung ist, wie die Kirche ihr Programm so umstellt, dass sie rausgeht, wie der Papst es immer sagt, statt zu warten, dass Menschen zu ihr kommen.

Anfang des Jahres war der Synodale Weg ein großes Thema, Wie viele andere Themen ist er durch Corona in den Hintergrund geraten. Wie ist der aktuelle Stand?

Am 4. September 2020 gab es eine Tagesveranstaltung an fünf Orten. „Fünf Orte – ein Weg“ war das Motto. Einer dieser Orte war Dortmund. Im Februar 2021 findet die zweite Synodalversammlung statt. Alle vier Themenforen haben mittlerweile getagt. Mein Eindruck ist, dass der Weg vielleicht unterbrochen schien, dass er aber nun weitergeht. Ich habe das Gefühl, dass die Mehrzahl nicht nur der Synodalen, sondern auch der Bischöfe wirklich entschlossen ist, dass der Synodale Weg zu einem Erfolg wird.

Wann wäre er ein Erfolg?

Wenn man zu umsetzbaren Beschlüssen kommt, die die Krise der Kirche in Deutschland aufbrechen helfen.

Am Anfang waren die Erwartungen an den Synodalen Weg sehr hoch. Sehen Sie die Gefahr, dass er am Ende an diesen hohen Erwartungen scheitert?

Ich sehe eher die Gefahr, dass er scheitern könnte, wenn es nicht gelingt einig zu werden. Am Ende werden Abstimmungen stehen. Es kann sein, dass es nicht gelingt, mit den Ergebnissen konstruktiv umzugehen. In den Verbänden sind Abstimmungen ja bekannt. Aber die Frage ist, ob Abstimmungen, in denen es zwangsläufig Mehrheiten und Minderheiten gibt, der richtige Weg sind, um zu den Fragen, die beim Synodalen Weg verhandelt werden, gute Ergebnisse zu finden. Ich bin gespannt. Die Mehrzahl der Teilnehmenden hat jedenfalls verstanden: Wenn der Synodale Weg kein Erfolg wird, vergrößert sich die Krise weiter. Es gibt eine Minderheit, die den Weg nicht gut findet, die Angst hat, dass etwas spezifisch Katholisches aufgegeben wird. Diese unterschiedlichen Einschätzungen werden nach dem Synodalen Weg bleiben.

Sie haben gesagt, Sie sind gespannt. Sind Sie optimistisch?

Ja, ich bin optimistisch.

Die langfristigen Prognosen für die Kirche – Stichwörter demografische Entwicklung, Kirchenaustritte, damit verbunden auch Kirchensteuer – machen weniger optimistisch. Welche Strategien gibt es, damit umzugehen?

Strategie – das ist ein großes Wort. Ich scheue mich manchmal, es zu verwenden, weil es nach einem Hebel klingt, der, wenn er angesetzt wird, alles wieder gut macht. Die Kirche in Deutschland geht in den nächsten zehn bis 15 Jahren einem sehr großen Umbruch entgegen. Davon sprechen wir in unserem Bistum schon seit vielen Jahren. Er wird richtig spürbar, wenn die von Ihnen angesprochenen Rahmenbedingungen sich zuspitzen. Der Rückgang an Priestern wird ein äußeres Zeichen sein. Natürlich auch der Rückgang der Finanzen.
Ich glaube, eine Strategie dagegen gibt es noch nicht. Wir müssen erst einmal verstehen, was eigentlich im Gange ist bei der Entwicklung des Glaubens und der Kirche. Dem dienen in unserem Bistum die kommenden drei Jahre. Bei unserem Diözesantag im November wird im Rahmen der Bistumsentwicklung ein neuer Abschnitt begonnen. Wir versuchen, in den nächsten drei Jahren mit möglichst vielen Menschen die Situation zu verstehen. Und dann – das ist vielleicht die Strategie – mit möglichst vielen, die sich verständigen konnten, Wege nach vorne zu gehen. Neben den Gemeinden, die wir haben, müssen wir mehr Orte und Gelegenheiten – so nennen wir das, und dazu gehören auch die Verbände – stärken als Orte, an denen Menschen den Glauben an Jesus kennenlernen, neu lernen, vertiefen.
Ich stelle mir vor, dass die Kirche im Erzbistum Paderborn in zehn bis 15 Jahren ein Netzwerk sein wird aus vielen verschiedenen Glaubensorten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Der einzelne Mensch entscheidet dann in seiner jeweiligen Situation, was für ihn gut ist. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, dass Menschen zum Glauben an Jesus finden. Die entscheidende Frage ist dabei die der Ressourcenzuweisung. Wieviel Geld und wie viele Menschen stecken wir in welche pastoralen Felder? Wenn die Ressourcen massiv zurückgehen und wir gleichzeitig die Orte pluralisieren müssen, ist die Frage der Ressourcenzuweisung mit Konflikten verbunden. Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander sprechen, wie wir dem angesichts der gesellschaftlichen Marginalisierung entgegentreten können. Das heißt nicht, dass wir die Rahmenbedingungen ändern können, sondern dass wir uns dafür aufstellen, damit wir zufriedene und überzeugte Christen sind.

Kürzlich ging die Meldung durch die Medien: „Kirchensteuereinahmen so hoch wie nie zuvor“. Das Bild, das dabei entsteht, ist nicht das Bild knapper werdender Ressourcen.

Das stimmt, und es bezieht sich auf 2019. Das wird schon in diesem Jahr anders sein und dann kontinuierlich weiter abnehmen.

Sie wären nicht für das Thema Entwicklung des Erzbistums verantwortlich, wenn Sie nicht überzeugt wären, dass Glaube und Kirche auch in den von Ihnen genannten zehn bis 15 Jahren noch zeitgemäß sein werden. Warum sind Sie davon überzeugt?

Ich bin davon überzeugt, dass der Glaube an Jesus immer zeitgemäß ist. Er ist das Fundament eines Lebensentwurfes für Menschen, die erkennen: Dieser Glaube trägt mein Leben. Die Kirche ist als Werkzeug dafür in ihrer äußeren Form immer großen Veränderungen unterworfen. Ich gehe davon aus, und ich finde das realistisch und hoffnungsvoll, dass die Kirche eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern sein wird, die inmitten einer großen Mehrheit von nicht glaubenden Menschen so etwas wie Licht der Welt und Salz der Erde sein kann, wie Jesus sagt. Der Glaube an Jesus hat Zukunft. Die Kirche wird sich in den Dienst dieses Glaubens stellen müssen und weniger um sich selbst drehen. Dann wird das eine gute Richtung nehmen. Allerdings viel kleiner, massiv weniger einflussreich als heute und vor allem gegenüber der Geschichte, aus der wir kommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe 3/2020 unseres Magazins „Praxis & Nah“, erschienen Ende September 2020.