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Katholische Soziallehre heute: Kolpingwerk NRW setzt auf Sozialprinzipien

„Wie können wir als Kolpingwerk sprachfähig sein? Wie können wir den Prinzipien der Katholischen Soziallehre Gehör verschaffen? Was ist unsere Botschaft?“

Mit diesen Fragen begrüßte Stefan Nacke, der Vorsitzende des Kolpingwerkes NRW, über 40 Delegierte aus den Diözesanverbänden im Katholisch-Sozialen Institut in Siegburg. Zum Auftakt der Landesversammlung erläuterte der Publizist Felix Neumann seine Thesen zur Relevanz der katholischen Soziallehre in einer veränderten Medienlandschaft. „Digitalität kann ein Instrument der Demokratie sein, aber auch des Totalitarismus! Wir können damit Katastrophenhilfe organisieren – oder ausländerfeindliche Hetze!“

Aus ökonomisch-analytischer Perspektive sei der Computer in erster Linie eine Kopiermaschine, durch die die Grenzkosten – die Kosten für die Produktion eines zusätzlichen Stückes – gegen Null gehen. Wenn man eine App programmiert, so müsse man anschließend nur noch Server in großer Zahl mieten und kann die App weltweit betreiben. Auch Transaktionskosten gehen in der digitalen Welt gegen Null, wie die Musikindustrie zeigt. Durch den Siegeszug des Formates MP3 wurden die Distributionskosten revolutioniert: Zwischenhändler, Marketing und Vertrieb wurden überflüssig. „Das wirft ein soziales System über den Haufen!“, sagte Neumann. „Die technische Skalierbarkeit steht der gesellschaftlichen Nichtskalierbarkeit gegenüber – das ist das Dilemma des Digitalen“, betonte Felix Neumann. „Wir können jedes System blitzschnell vervielfachen – aber Menschen skalieren nicht.“

Rechte Hetze in digitalen Foren

Die Digitalität schaffe keine neuen Probleme, legt aber alte offen: „Rechte Gruppen vernetzen sich und werden sichtbar.“ Die AfD habe sich das Prinzip der repräsentativen Demokratie geschickt zunutze gemacht, dass man die Politiker an der Spitze davor schützt, sich um jedes kleine Problem zu kümmern. Rechte Hetze bedient die Gefühle der Menschen und dominiert die Kommentarspalten und Online-Plattformen. Wie soll man damit umgehen? „Da brauchen wir Normen statt Verbote!“, meinte Neumann.

Die digitale Welt erzeugt auch unter den Prinzipien der Katholischen Soziallehre neue Spannungsfelder. Zum Beispiel: „Beim Thema Datenschutz denken wir zuerst an Personalität, nicht an Solidarität und Gemeinwohl. Personenbezogene Daten sind zu schützen, insbesondere medizinische Daten. Aber wie gehen wir damit um, wenn Facebook einen Algorithmus einführt, mit dem man erkennen kann, ob jemand sich selbst verletzen will? Geht dann Datenschutz vor? Wie stehen wir zur Mathematisierung des Menschen? Welche Stoppschilder brauchen wir?“ Einzelne personenbezogene Daten seien wertlos, doch in der Statistik sehr aussagekräftig. Daraus folgt die Frage: „Wieviel algorithmische Einschränkung erträgt das Gemeinwohl? Kann man zulassen, dass jemand Probleme hat, in Online-Shops zu bestellen, weil er in einem sozial problematischen Stadtteil wohnt?“

Nicht loben, nicht verdammen

Auch Software zur Kriminalitätsprognose wirft neue Fragen auf. Einerseits dient es dem Gemeinwohl, Gegenden mit höherer Kriminalität verstärkt zu überwachen. „Doch in diese Systeme fließen rassistische Kriterien ein! Da geraten Personalität und Gemeinwohl in Konflikt“, meint Felix Neumann. Seine Empfehlung für diese Konfliktlinien: „Ich rate dazu, sorgfältig abzuwägen – weder zu loben noch zu verdammen.“

Die Arbeitswelt befindet sich ebenfalls im Umbruch. „Wie schaffen wir es, dass die Digitalisierung nicht zum Jobkiller wird?“ fragte Neumann. „In der ‚geek economy‘ haben viele Menschen keinen festen Beruf mehr. Sie fahren Taxi bei Uber, vermieten ihre Wohnung über Airbnb, schreiben Online-Texte. Ist das die Arbeit, die wir wollen? Wie schaffen wir es, dass sowohl der Bergmann als auch Ihre Tochter eine erfüllende, würdevolle Arbeit ausübt? – Das geht nur durch lebenslanges Lernen!“

Eine Facebook-Gruppe sei das beste Beispiel für Subsidiarität, so Neumann: „Wenn ich ein Proble3m habe, mache eine Facebook-Gruppe auf und löse das Problem. Beim Hochwasser im Osten von Brandenburg haben Menschen schnelle Hilfe über Facebook organisiert. Das ging manchen Katastrophenhelfern gegen die Berufsehre. Es gibt zwei Möglichkeiten: Man kann es ablehnen oder nutzen! Die Antwort des Amtes für Katastrophenschutz war, dass es eine Stelle zur Koordinierung des digitalen Ehrenamtes eingerichtet hat.“

Vergeben, Verzeihen, Vergessen

Je mehr Archive digitalisiert werden, desto weniger gerät in Vergessenheit. Das Leben der heutigen Jugendlichen wird umfassend dokumentiert. „Wie gehen wir damit um, dass Menschen in ihrer Vergangenheit hochproblematische Dinge getan haben? Wie können wir auf gesellschaftlicher Ebene vergeben?“, fragte Neumann.

Felix Neumann sah das Kolpingwerk für die Herausforderungen der digitalen Welt gut aufgestellt: „Das Kolpingwerk ist eins der stärksten sozialen Netze in Deutschland! Es hat die Kraft der starken Bindung. In Marketing-Sprache ausgedrückt: Kolping ist ein Love Brand! Hinter dem Kolping-K steht eine Idee, ein Wertekorsett!“ Felix Neumanns Empfehlung: „Behalten Sie die Sozialprinzipien bei und deklinieren sie sie durch! Dann sieht der alte Kolping ganz modern aus!“

Hilfreich könnten dabei Prinzipien aus der Softwareentwicklung sein. Hier arbeitet man kleinschrittig und experimentell. „Sie müssen nicht alles dokumentieren – besser ist es, wenn die Software funktioniert!“, sagte Neumann. Agilität ist dabei der zentrale Begriff. Dazu könne man sich am „Agilen Manifest“ der Softwareentwicklung orientieren. „Verstehen Sie das Digitale! Halten Sie an bewährten Werten fest! Fragen Sie sich: Wo braucht es Stabilität und Reflexion, wo Agilität und Experiment?“

Positive Emotionalisierung schaffen

Viele Nachfragen und Anmerkungen zeigten, dass die Delegierten sich mit den Herausforderungen der Digitalität bereits intensiv befasst haben. Die Umbrüche in der Arbeitswelt könnten durch das bedingungslose Grundeinkommen abgefedert werden, meinte ein Delegierter der Kolpingjugend. In Bezug auf die digitale Präsenz sei es wichtig, dass sich das Kolpingwerk seinen Platz in der Aufmerksamkeitsökonomie erobert und eine positive Emotionalisierung des Verbandes schafft, so Neumann. Martin Rose, der Vorsitzende des Kolpingwerkes Diözesanverband Köln zog ein positives Fazit: „Es war ein spannender Vortrag, der die neuralgischen Punkte gut benannt hat. Die Katholische Soziallehre bietet uns ein komplexes System, mit dem wir die aktuellen Herausforderungen umfassend bewerten können. Dieses Wissen wollen wir wieder an die Basis der Kolpingsfamilien bringen!“

(Text und Foto: Bettina Weise)